Neigungen

Ich glaube, ich kann nicht über mich bloggen, ohne etwas über John zu erzählen. Ich habe John bei der Arbeit kennengelernt und ich weiß auch immer noch, was er damals gekauft hat 🙂 Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, aber weil ich bei neuen Leuten sehr schüchtern bin und bei neuen Leuten, die mir gefallen, praktisch nicht den Mund aufbringe, habe ich ihn nicht angesprochen. Er kam gelegentlich zum Einkaufen, sehr selten auch auf einen Tee, aber es entwickelte sich nie ein Gespräch zwischen uns. Bis zu dem Tag, an dem er auf seinem Mobiltelefon ein Schach-Video ansah, da habe ich meinen Mut zusammengekratzt und ihn gefragt, ob er Schach spielt. In derselben Woche kam er wieder ins Café und brachte ein Spiel mit und immer, wenn gerade niemand etwas kaufen wollte, sass ich bei ihm und wir spielten Schach. Wir sind ungefähr gleich gute Spieler, weswegen unsere Partien normalerweise sehr ausgeglichen sind, was natürlich mehr Spaß macht, als wenn ein Spieler deutlich unterlegen ist.  John kam ein paarmal zum Schachspielen und Teetrinken ins Café und irgendwann fragte er mich, ob wir uns nicht mal privat treffen wollen. An dem Abend hat er für uns gekocht, wir haben Schach gespielt, geredet und als er mich küsste, habe ich direkt nachgegeben.

Witzigerweise haben wir erst einige Wochen danach festgestellt, dass John und mein Bruder sich nicht nur kennen, sondern ziemlich gute Freunde sind. Mein Bruder hatte John sogar schon von mir erzählt, aber da er mich nicht bei meinem Vornamen, sondern immer bei einem Kosenamen nennt, hatte John keine Ahnung, dass es um mich ging 🙂

Ich wusste schon immer, dass ich schwul bin. In meiner Jugend habe ich mich oft gefragt, ob das mit dem Missbrauch zusammenhängen könnte, aber ehrlich gesagt ist das für mich inzwischen vollkommen egal. Ich habe nie etwas mit Mädchen am Hut gehabt, das über Freundschaft hinausging, und es hat sich mir nie die Frage gestellt, ob es vielleicht gesellschaftlich oder moralisch fragwürdig ist, dass ich auf Männer stehe. Ich bin, wie ich bin. Andere Eigenschaften an mir finde ich viel schwieriger zu akzeptieren als meine Homosexualität. Ich bin devot und masochistisch veranlagt und beides halte ich für direkte Folgen des Missbrauchs. Das zu akzeptieren, war hart für mich. Ich denke, im Normalfall haben Menschen gewisse Grenzen, aber ich musste erst lernen, welche zu ziehen, in Beziehungen oder beim Sex frühzeitig STOP sagen, bevor es so weit geht, dass ich wirklich verletzt werde. Ich mag nicht jede Art von Schmerz. Wenn ich an die heiße Herdplatte lange, finde ich das Scheiße 🙂 Aber es gibt Schmerz, den ich gern aushalte, vor allem wenn ich einen dominanten, sadistischen Partner habe. Schmerz als Liebesbeweis für einen solchen Partner auszuhalten, ist das, was am meisten kickt. Meine devote Neigung lebe ich am liebsten durch Gehorsam und Disziplin aus, aber der masochistische Anteil in mir mag es handfester.

Diese Neigungen sind für mich die eigentliche Gratwanderung in meinen Beziehungen, egal ob sie nur sexuell oder wie in Johns Fall auch partnerschaftlich sind. Mir ist klar, dass meine Veranlagung mich immer wieder durch die Traumen gehen lässt, aber Vanillabeziehungen kriege ich einfach nicht hin. Jedenfalls nicht lange oder ernsthaft. Nicht ohne fremdzugehen. Und damit habe ich schon mehr als eine Beziehung zerstört. In SM-Kreisen wird meine Veranlagung als naturdevot / naturmasochistisch bezeichnet, was soviel heißt wie dass ich kein Samstagsabenddevchen bin. Ich wünsche mir eine Beziehung mit einem dominanten, sadistischen Mann, die über Sex hinausgeht. Lust ist ja nur ein Teil meiner Persönlichkeit und ich habe auch nicht ständig Lust, aber ich wünsche mir, ständig als der devote, masochistische Mann leben zu dürfen, der ich eben bin. Ich hoffe, ich habe meinen Counterpart in John gefunden. John ist naturdominant und sadistisch veranlagt, hat letzteres aber noch nicht oft ausleben können. Er hat oft Angst davor, meine Grenzen zu überschreiten, während ich mir wünsche, dass er viel weiter gehen soll 🙂

Ich glaube, dass meine Neigung auch deswegen zwiespältig zu bewerten ist, weil sie meine Traumen verschlimmern oder verbessern kann, je nach Partner. Ich hatte welche, die hatten keine Sensibilität für einen Überlebenden und haben mich in Krisen gestürzt, aber John benutzt meine Neigungen dazu, mein Leben zu verbessern, zum Beispiel durch Regeln, die gut für mich sind (regelmäßig essen und trinken ect.). Für ihn bin ich bereit, sehr weit zu gehen.

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Meine Arbeit

Heute Morgen war ich arbeiten. Ich arbeite in einer integrativen Einrichtung, wo Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen (seelisch, geistig, körperlich, multiple Behinderungen) mit Nichtbehinderten zusammen sind. Wir haben mehrere Bereiche mit unterschiedlichen Aufgaben. Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich im Verkauf, wo ich dafür zuständig bin, Kunden zu bedienen, Waren abzuwiegen und zu verpacken und Bestellungen aufzunehmen. Eigentlich ein ganz normaler Verkäuferjob. Wir haben ein Café an den Laden angeschlossen und zusammen mit einer nichtbehinderten Kollegin kümmere ich mich darum, die Gäste zu bedienen (Bestellungen aufnehmen, servieren, Tische abräumen und putzen). Manchmal helfe ich in der Küche, wenn nicht so viel los ist. Wenn zu viele Sachen gleichzeitig oder durcheinander gemacht werden müssen, brauche ich noch etwas Hilfe. Es macht mich nervös, wenn ich das Gefühl habe, nicht schnell genug zu sein, obwohl wahrscheinlich alle Gäste, die zu uns kommen, wissen, dass viele von uns behindert sind und dass wir kein normales Café sind. Ich bin gut darin, andere zu bedienen. Das habe ich durch den Missbrauch gelernt. Ich verstehe schnell, was sie wollen, kann das manchmal fühlen, bevor sie es sagen. Es macht mir Spaß, viel mit Menschen zusammen zu sein. Manchmal erzählen sie mir persönliche Sachen von sich oder zeigen mir Fotos von ihren Enkelkindern.

Gestern Abend lag ich noch lange wach und habe über das nachgedacht, was ich hier geschrieben habe. Ich finde, es klingt komisch und nicht nach mir. Ich fühle mich noch merkwürdig hier beim Bloggen. Noch nicht so entspannt. Ich hoffe, das kommt mit der Zeit. Ich bin aufgeregt, weil ich über Dinge schreiben will, die persönlich sind, ohne dass ich von Auge zu Auge mit jemandem rede. Aber ich bin froh, wenn ich Blogs lesen kann von anderen Männern, die etwas Ähnliches erlebt haben, und ich denke, vielleicht kann ich jemandem helfen. Vielleicht auch einfach mir selbst.

Etwas über mich

Es ist merkwürdig, etwas über mich zu schreiben. Egal was ich schreibe, ich habe sofort das Gefühl, ich müsste es relativieren oder ganz löschen. Das hier ist also mein vierter Versuch, etwas über mich zu sagen. Ich bin Ende 30 und seelisch behindert. Ich arbeite Teilzeit in einer integrativen Einrichtung für Behinderte und Nichtbehinderte im Verkauf. Ich mag es, mit Leuten Kontakt zu haben und fühle mich in der Einrichtung sehr wohl. Nachdem ich betreutes Wohnen versucht habe, lebe ich jetzt mit zwei Freundinnen zusammen in einer WG, was für uns alle gut funktioniert. Ich bin seelisch behindert, weil ich missbraucht worden bin. Der Missbrauch hat zu einem Stapel von Folgeerkrankungen geführt: PTBS, reziditive Depression, SVV, blahblah. Ich will aber direkt schreiben, dass ich seit Jahren stabil bin. Ich habe mich seit langem nicht mehr aktiv oder indirekt verletzt, aber in Stress-Situationen muss ich aufpassen, dass ich nicht in alte Verhaltensmuster zurückrutsche. Ich passe gut auf mich auf! Ich glaube, dass der Stempel, der mir mit der Diagnose einer seelischen Behinderung aufgedrückt wurde, nur bedeutet, dass ich besondere Bedürfnisse habe, weiter nichts. Ich fühle mich nicht mehr krank oder behindert, weil ich einen Weg gefunden habe, mich mit meiner Vergangenheit zu arrangieren. Ich bin stabil und fühle mich gut in meinem Leben. Inzwischen medikamentenfrei!!!

Wie ich schon schrieb, nimmt das Erinnern für mich einen besonderen Stellenwert ein. Ich kann mich durch den Missbrauch an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern. Durch den Rat eines Therapeuten habe ich mir über mehr als fünf Jahre hinweg eine Erinnerungskartei aufgebaut, mit der ich noch immer arbeite, wenn ein neues Bruchstück auftaucht.

Ich habe einen IQ von über 160, aber ich habe keinen Schulabschluss und auch keine Ausbildung. Ich glaube, wenn ich wollte, könnte ich das alles nachholen, aber es scheint mir ein bisschen verrückt, mich für den Rest meines Lebens auf ein einziges Thema / auf einen einzigen Beruf festzulegen. Jetzt bin ich Verkäufer, aber wenn ich dazu Lust habe, kann ich morgen gärtnern oder in die Verwaltung gehen. Für mich ist die Diagnose der seelischen Behinderung ein Stück Freiheit geworden, weil ich nicht festgelegt werde und viele Facetten meiner Persönlichkeit ausleben kann. Zum Beispiel lese ich viel, spiele Schach, zeichne Comics, buddele im Garten und beschäftige mich gern mit neuen Sachen. Mich interessiert Kultur (Museum, Theater) und Menschen faszinieren mich, auch wenn sie mir manchmal Angst machen. Ich mag Filme gucken, gemeinsam mit Freunden kochen oder Gesellschaftsspiele spielen. Ich bin gern in der Natur unterwegs (spazieren, wandern, Rad fahren) und schaue gern Snooker. Ian McCulloch ist mein Lieblingssnookerspieler, obwohl er nicht mehr bei großen Turnieren dabei ist. Ich bin schwul und seit Mai 2011 mit jemandem zusammen, aber darüber schreibe ich mal extra.

Ein neuer Anfang

Das hier ist also der erste Eintrag in mein virtuelles Tagebuch, wenn auch nicht das erste Blog, das ich habe. Von März 2005 bis November 2006 hatte ich auf einer anderen kostenlosen Plattform ein Blog, das ich Ende 2006 vollständig gelöscht habe, weil ich das Gefühl hatte, ich würde anfangen, mich nur noch um mich selbst zu drehen. Das tat mir nicht gut. Seit 2006 hat sich viel verändert. Ich bin stabiler geworden und das Internet nimmt keinen so großen Platz mehr in meinem Leben ein wie damals. Ich glaube, ich kann jetzt besser mit einem Blog umgehen als damals, ohne mich zu sehr in der virtuellen Weite zu verlieren. Seit ein paar Jahren schreibe ich Offline-Tagebücher in Comicform, weil es mir leichter fällt, Gefühle und Situationen in Bildern auszudrücken als in Worten. Mit diesem Blog hier möchte ich ein bisschen meine Texting-Skills trainieren. Ich habe auch gemerkt, dass ich es schade finde, nicht mehr meine alten Blogtexte lesen zu können, denn wahrscheinlich könnte mir das helfen, bestimmte Entwicklungen besser zu erkennen. Noch ein Grund für dieses Blog hier, ich möchte mich erinnern. Das Erinnern nimmt für mich einen besonderen Stellenwert ein. Darüber werde ich bestimmt auch schreiben.

Ein neues Blog ist wie eine neue Seite beim Zeichnen. Der erste Strich ist gemacht.