Etwas über mich

Es ist merkwürdig, etwas über mich zu schreiben. Egal was ich schreibe, ich habe sofort das Gefühl, ich müsste es relativieren oder ganz löschen. Das hier ist also mein vierter Versuch, etwas über mich zu sagen. Ich bin Ende 30 und seelisch behindert. Ich arbeite Teilzeit in einer integrativen Einrichtung für Behinderte und Nichtbehinderte im Verkauf. Ich mag es, mit Leuten Kontakt zu haben und fühle mich in der Einrichtung sehr wohl. Nachdem ich betreutes Wohnen versucht habe, lebe ich jetzt mit zwei Freundinnen zusammen in einer WG, was für uns alle gut funktioniert. Ich bin seelisch behindert, weil ich missbraucht worden bin. Der Missbrauch hat zu einem Stapel von Folgeerkrankungen geführt: PTBS, reziditive Depression, SVV, blahblah. Ich will aber direkt schreiben, dass ich seit Jahren stabil bin. Ich habe mich seit langem nicht mehr aktiv oder indirekt verletzt, aber in Stress-Situationen muss ich aufpassen, dass ich nicht in alte Verhaltensmuster zurückrutsche. Ich passe gut auf mich auf! Ich glaube, dass der Stempel, der mir mit der Diagnose einer seelischen Behinderung aufgedrückt wurde, nur bedeutet, dass ich besondere Bedürfnisse habe, weiter nichts. Ich fühle mich nicht mehr krank oder behindert, weil ich einen Weg gefunden habe, mich mit meiner Vergangenheit zu arrangieren. Ich bin stabil und fühle mich gut in meinem Leben. Inzwischen medikamentenfrei!!!

Wie ich schon schrieb, nimmt das Erinnern für mich einen besonderen Stellenwert ein. Ich kann mich durch den Missbrauch an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern. Durch den Rat eines Therapeuten habe ich mir über mehr als fünf Jahre hinweg eine Erinnerungskartei aufgebaut, mit der ich noch immer arbeite, wenn ein neues Bruchstück auftaucht.

Ich habe einen IQ von über 160, aber ich habe keinen Schulabschluss und auch keine Ausbildung. Ich glaube, wenn ich wollte, könnte ich das alles nachholen, aber es scheint mir ein bisschen verrückt, mich für den Rest meines Lebens auf ein einziges Thema / auf einen einzigen Beruf festzulegen. Jetzt bin ich Verkäufer, aber wenn ich dazu Lust habe, kann ich morgen gärtnern oder in die Verwaltung gehen. Für mich ist die Diagnose der seelischen Behinderung ein Stück Freiheit geworden, weil ich nicht festgelegt werde und viele Facetten meiner Persönlichkeit ausleben kann. Zum Beispiel lese ich viel, spiele Schach, zeichne Comics, buddele im Garten und beschäftige mich gern mit neuen Sachen. Mich interessiert Kultur (Museum, Theater) und Menschen faszinieren mich, auch wenn sie mir manchmal Angst machen. Ich mag Filme gucken, gemeinsam mit Freunden kochen oder Gesellschaftsspiele spielen. Ich bin gern in der Natur unterwegs (spazieren, wandern, Rad fahren) und schaue gern Snooker. Ian McCulloch ist mein Lieblingssnookerspieler, obwohl er nicht mehr bei großen Turnieren dabei ist. Ich bin schwul und seit Mai 2011 mit jemandem zusammen, aber darüber schreibe ich mal extra.

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