Gott in der Natur

Heute waren John und ich den halben Tag wandern, fast 12 km. In unserer Gegend gibt es alte Hügelgräber und eins davon ist besonders idyllisch mitten im Wald gelegen, das ist einer meiner Kraftorte. Es stehen da ein paar alte Buchen mit stark verflochtenen Wurzeln und es gibt große moosbewachsene Steine, die man teilweise beklettern kann. John ist Atheist und kann nicht verstehen, wieso ich diesem Platz immer wenn ich ihn besuche etwas mitbringe, heute eine Birne und ein Stück Brot. Für mich ist die Natur Gott oder anders gesagt: Gott zeigt sich in der Natur. Personifizierte Gottheiten sind nicht mein Fall, schon gar nicht wenn sie als Eltern angesprochen werden, als Vater oder Mutter. Diese Worte lösen Beklemmungen bei mir aus und mit Sicherheit könnte ich einen solchen Gott niemals akzeptieren oder ehren. Die Natur zu ehren, ist leicht für mich, weil sie als lebendig, direkt und allumfassend erleben kann. Lebendig: alles lebt, ich denke, sogar Steine leben auf eine gewisse Weise. Wenn ich sie berühre, fühlen sie sich an, als wenn sie singen, schwingen oder vibrieren (jeder Stein ist anders). Direkt: ich bin ein Teil der Natur und stehe deswegen direkt mit ihr in Kontakt. Jede Lebensäußerung von mir ist ein Teil davon. Allumfassend: alles existiert in der Natur und geht aus der Natur hervor. Ich sehe auch Dinge, die andere als widernatürlich bezeichnen, als aus der Natur hervorgegangen an, wie zum Beispiel Plastik, angereichertes Uran oder Antibiotika. Die Anlage für alle diese Sachen war in der Natur vorhanden und wir Menschen haben Werkzeuge und bereits veränderte Naturbestandteile benutzt, um sie zu modifizieren. Außerdem glaube ich, dass es keinen Sinn ergibt, diese Dinge als unnatürlich zu verunglimpfen, sie aber auf der anderen Seite zu benutzen, weil sie das Leben angenehmer, sicherer oder erträglicher machen.

Ich beneide gläubige Menschen. Ich meine, Menschen die einen personalisierten Bezug zu Gott haben, für die Gott ein Wesen ist, an das sie sich wenden können, wenn sie Support oder einfach ein offenes Ohr brauchen. Ich beneide sie um ihre Gewissheit, ihre innere Sicherheit und zum Teil auch um ihre Rituale. Ich finde beispielsweise die katholische Messe in ihrem Ablauf und in ihrer Ausstattung sehr ästhetisch, aber es käme mir moralisch fragwürdig vor, hinzugehen, weil Gott für mich kein Vater sein kann. Mit Jesus kann ich mich in gewisser Weise identifizieren. Er wurde verraten, gefoltert und das alles, weil seine eigener Vater es so wollte. Mir gefällt nur nicht, dass er nicht in Ruhe sterben durfte, sondern dass Gott ihm den Tod versaut hat. Jesus am Kreuz hat meine vollste Sympathie, aber ich finde, die Story hätte dort enden müssen. Den Buddhismus finde ich in Teilen ebenfalls ansprechend. Mir erscheinen Buddhisten immer sehr bescheiden und in sich ruhend, und ich finde den Gedanken, dass man durch Selbstversenkung erlöst werden kann, nachvollziehbar. Ich habe das ein Stück weit erlebt, dass man Schmerz und Angst ausblenden kann, wenn man sich auf einen bestimmten Punkt in sich selbst konzentriert. Die Lichter gehen rund herum aus, alles wird gleichgültig und ertragbar. Hinderlich ist nur, dass man normalerweise irgendwann wieder aus diesem glücklichen Zustand auftaucht, meist wegen ganz profaner Gefühle wie Durst, Hunger oder Harndrang.

Dass ich dem Ort im Wald, zu dem John und ich heute gewandert sind, etwas mitbringe, ist der Versuch, eine Beziehung zur Gottnatur aufzubauen und eigene rituelle Handlungen zu finden. Sie entbehren jeder Ästhetik, auch wenn ich versuche, das Obst oder das Brot so hinzulegen, dass es nicht wie von satten Wanderern achtlos weggeschmissen aussieht. Es ist ein Dank dafür, dass die Natur sich mir gegenüber immer anständig verhalten hat, anders als Menschen. Ich finde es ein Wunder, dass aus einem Samenkorn, etwas Erde, Sonne und Wasser etwas wachsen kann, das man essen kann oder dass schön ist.

Ich habe beim schreiben gemerkt, dass ich gern öfter über Gott reden möchte, also gibt es jetzt eine neue Kategorie.

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