Essen lernen

Eigentlich könnte man ja denken, dass essen und trinken so normal ist, dass man es nicht extra lernen muss. Für mich war es aber anders. Bei mir daheim gab es nur unregelmäßig Mahlzeiten und sie waren auch nicht sehr ausgewogen. Ich bin ohne Mutter aufgewachsen und für meinen Vater war es schon große Kochkunst, eine Dose Erbsensuppe zu öffnen und in der Mikrowelle zu erhitzen. Essen war daheim immer ein Streitpunkt. Ich durfte nie soviel essen, wie ich wollte, weil mein Vater sagte, ich wäre zu fett. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich nichts oder nur sehr wenig zu essen bekam und wenn ich woanders etwas aß und er es rausbekam, wurde ich bestraft. Also verbesserte ich meine Fähigkeit, zu lügen. Ich beklaute Mitschüler oder stahl Essen, wo es im Überfluss vorhanden ist, im Supermarkt, beim Bäcker oder wo immer sich die Gelegenheit bot. Ich lungerte an Pommesbuden herum und fragte die Leute, die einen Rest wegwerfen wollten, ob ich ihn haben kann. Ich aß auch das, was schon im Mülleimer gelandet war. Ich fand es nicht eklig. Man kann zum Beispiel die oberen Pommes aus einer Tüte nehmen und die unteren essen und man muss ja auch nicht dieselbe Gabel verwenden. Selbst wenn oben auf dem Essen etwas Zigarettenasche oder Dreck liegt, kann man die unteren Schichten noch essen. Manchmal hat mich jemand zum Essen eingeladen. Es gab auch Menschen, die mir etwas schenkten. Von einer Bäckereiverkäuferin bekam ich öfter Sachen vom Vortag, manchmal soviel, dass es für mehrere Tage gereicht hätte, wenn ich es hätte aufbewahren können. Manche Dinge ließen sich problemlos längere Zeit lagern: trockene Nudeln, die man ungekocht essen kann, Cornflakes, Dosen mit Obst oder Gemüse und alles, was nicht gekühlt werden muss.

Ein Problem waren alle Sachen, die stark dufteten (Geräuchertes, Gebratenes, Fisch, Zwiebeln), weil mein Vater riechen konnte, dass ich gegessen hatte. Ich habe also versucht, solche Dinge nicht zu kauen, sondern einfach runterzuschlucken. Leider bekam ich davon oft Bauchweh, aber es war besser als gar nichts zu essen. Eine andere Möglichkeit war, mir nach dem verbotenen Essen mehrmals gründlich die Zähne zu putzen. Nur bei wenigen Sachen hat das nicht funktioniert. Zwiebeln, Knoblauch und Raucharoma sind stärker als Pfefferminzzahnpasta🙂 Wenn er merkte, dass ich etwas gegessen hatte, das er mir nicht erlaubt hatte, ließ er mich kotzen. Um das zu vermeiden, blieb ich länger von zu Hause weg, damit die Nahrung den Magen schon passiert hatte, wenn ich nach Hause kam. Es war jedes Mal dasselbe: er dachte sich eine Gemeinheit aus und ich wurde besser darin, ihn zu belügen oder ihm auszuweichen.

Ich habe kein normales Gefühl für Hunger und Sättigung gehabt. Der Gedanke an die nächste Mahlzeit war ständig in meinem Kopf, ich war auf Essen fixiert. Es ging soweit, daß ich die Verpackungen von Eis, die ich im Müll fand, ausleckte, weil noch ein paar Tropfen darin klebten. Als ich rausfand, dass man viele Wildblumen essen kann und dass es Orte gibt, wo wilde Früchte wachsen oder Früchte, die keiner haben will, hat mir das geholfen, öfter satt zu werden. Als ich später essen konnte, was und soviel ich wollte, hatte ich richtige Freßanfälle. Manchmal habe ich zwei Toastbrote mit einem Glas Nutella leergemacht oder vier Pizzen verdrückt. Das heißt, ich habe es versucht, weil mir so übel wurde, dass ich erbrechen musste. Richtiges Essen und das richtige Empfinden für Hunger und Sättigung musste ich mir erst antrainieren. Ich habe Hamsterkäufe gemacht und viel wegschmeißen müssen, weil ich gar nicht soviel essen konnte, wie ich gekauft hatte. Heute haben meine Freundinnen und ich immer einen Speiseplan für die ganze Woche und wir kaufen nur noch ein, was wir wirklich essen können. Manchmal bekomme ich von der Arbeit Obst und Gemüse geschenkt, das sie da nur wegwerfen würden. Meine Chefin weiß, dass ich es nicht übers Herz bringe, Essen wegzuwerfen.

Ich habe aus der Zeit mit meinem Vater einen sehr empfindlichen Magen / Darm zurückbehalten. Ich vertrage nicht mehr alles und hatte oft mit Sodbrennen und Übelkeit zu tun, aber seit ich bestimmte Sachen weglasse, geht es mir besser.

Kann ich nicht mehr essen oder trinken: Alkohol, Milch und alles aus Milch, geräucherte Sachen, saure Sachen (Essig, Zitrone, manche Apfelsorten ect.), viel Zucker.

Kann ich nur in Maßen essen: Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, rohes Gemüse, Ananas, Saft ect.

Ich bin durch meine Freundinnen Vegetarier geworden und Fleisch und Fisch fehlen mir nicht. Ich finde es aber schade, dass ich keinen Käse mehr essen kann, denn den mochte ich immer gern, vor allem überbacken. Eier esse ich manchmal, am liebsten Eier im Glas oder weichgekocht.

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