Worte und Sprache

Heute Nachmittag wollte ich etwas bloggen, aber ich habe beim Schreiben gemerkt, dass ich eine Sprache mit vielen drastischen Worten benutzt habe, also habe ich es nicht veröffentlicht. Ich möchte niemanden verletzen, aber mir ist aufgegangen, dass ich über bestimmte Dinge sehr schonungslos rede und schreibe. Ich glaube, dass drastische Worte ein Schutz sein können, hinter dem man sich versteckt, wenn man sich unsicher fühlt. In meiner Jugend habe ich mich geschämt, wenn ich im Biologieunterricht Worte wie “Hoden” sagen sollte, und unter meinen Kumpels hätten wir niemals “Hoden” gesagt, sondern nur “Eier” oder “Nüsse”. Sprache richtet sich also offenbar nach den Menschen, mit denen man redet. Beim Arzt sagt man “Hoden”, unter Freunden oder beim Sex “Eier”. Drastische Worte können aufgeilend wirken, aber auch kaltblütig , in anderem Zusammenhang. Wenn ich meinem Liebhaber sage “fick mich”, steigert es unsere Lust. Wenn ich sage “mein Vater hat mich gefickt”, klingt es derb und abstoßend, was es natürlich ist. Worte können außerdem verharmlosend wirken, vor allem wenn Fremdworte mit ins Spiel kommen, die über den Inhalt hinwegzutäuschen versuchen, wie zum Beispiel “mein Vater hat mit mir koitiert”. Schon klingt es nicht mehr so schlimm, sondern mehr technisch und abwiegelnd.

Ich habe mich gefragt, wie ich über diese Dinge schreiben will / soll. Ich habe sie als drastisch, ekelhaft und gewaltsam erlebt und neutrale Worte oder Worte, die verschleiern, kämen mir wie Hohn vor. Gleichzeitig möchte ich niemanden schockieren oder mit meinen Worten triggern oder verletzen. In meinen Therapien habe ich immer die Worte benutzt, die mir natürlich vorkamen und die ich auch benutze, wenn ich über die Dinge nachdenke, Tagebuch-Comics zeichne oder mit Freunden rede. Manchmal macht es mich wütend, dass ich das Gefühl habe, ich kann über die Vorkommnisse nicht so reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Es fühlt sich an, als würde mein Vater immer noch Macht über mich ausüben, weil er meinen Ausdruck hemmt und mich dazu zwingt, alles allein mit mir abzumachen. Er hat nicht mit mir koitiert. Wir haben nicht Liebe gemacht oder Geschlechtsverkehr vollzogen. Er hat mich gefickt, so ist das und nicht anders.

Ich habe heute noch eine neue Kategorie hinzugefügt: darüber reden. Darüber = was passiert ist.

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