Schuldgefühle

Ich habe schon angedeutet, dass meine devot-masochistische Veranlagung für mich schwerer zu akzeptieren war als meine Homosexualität. Ich bin in den Siebzigern geboren und als ich in der Pubertät war, gab es kein Internet. Wir konnten uns nirgendwo frei über Homosexualität und SM austauschen und informieren. Diese Themen waren praktisch Tabu. Es wurde so getan, als gebe es das nicht oder als sei das nur etwas, das in großen Städten im Untergrund passiert. Die sittliche Empörung war groß, wenn jemand, den man kannte, nicht abstritt, schwul zu sein. Er wurde schnell zum Ziel von Spott oder er wurde ausgeschlossen, was in dem dörflichen Umfeld, wo ich aufgewachsen bin, einem Todesurteil gleichkam. Es wurde auch nicht über Missbrauch geredet, vor allem wenn der Täter jemand war, der angesehen war oder Geld hatte. Die Leute haben Augen und Mund zugemacht.

Es war verwirrend für mich, dass ich Lustgefühle beim Missbrauch hatte. Ich habe mich schuldig gefühlt. Mir wurde suggeriert, wenn ich hart werde oder einen Höhepunkt habe, will ich es selbst. Mir wurde gesagt, dass ich Schuld sei, weil ich verführerische Dinge tun würde. Es hat sehr lange gebraucht, bis ich die Lügen durchschaut habe. Als ich merkte, dass es mir nicht nur Lust bereitet, mich zu unterwerfen, sondern dass es mich auch seelisch erfüllt, habe ich mich auch schuldig und dreckig gefühlt. Ich dachte, ich würde mich damit wieder schlechten Menschen ausliefern, die mich missbrauchen würden, dabei wollte ich das, was mein Vater gemacht hat, nie wieder erleben. Auf der einen Seite war es wunderschön, mich zu unterwerfen und Schmerz zu ertragen, auf der anderen Seite fühlte ich mich pervers und krank.

In den Therapien habe ich begriffen, dass meine devot-masochistische Veranlagung wahrscheinlich wirklich das Resultat des Missbrauchs ist. Die Anlage wurde schon in meiner Kindheit erzeugt. Ich hatte wahrscheinlich keine andere Möglichkeit, den Missbrauch zu ertragen, als das Gefühl von Ohnmacht, Scham und Schmerz mit Lust zu koppeln. Heute empfinde ich SM als eine Therapieform. Dort passiert, was ich will, ich bin kein Opfer. Ich habe einen sensiblen Dom, der meine Grenzen kennt und mich auffängt, wenn ich nicht mehr kann oder wenn ich getriggert werde. Manchmal fühle ich mich noch immer schuldig, aber es wird weniger.

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