Vertrauen

Mein Therapeut hat einmal zu mir gesagt, nur wer vertrauen kann, schafft es, sein Leben wirklich zu leben, weil Vertrauen die Angst und alle Grenzen überwindet und den Menschen mit sich selbst, mit Gott und mit anderen Menschen verbindet. Wenn man nie gelernt hat, sich selbst, Gott oder anderen zu vertrauen, klingt das wie Hohn und wie eine Unmöglichkeit. Vertrauen zu lernen, braucht extrem viel Zeit, aber ich konnte Vertrauen üben. Das hat schnellere Erfolge gebracht. Man kann es mit dem Erlernen eines Instruments vergleichen. Am Anfang klingt es schräg und nicht harmonisch, man ist unsicher und findet nicht sofort die richtige Note. Wenn man am Ball bleibt und sich davon nicht beirren lässt, verinnerlicht man dann, wo sich die einzelnen Noten befinden, wie das Instrument reagiert und wie Musik funktioniert.

Um anderen zu vertrauen, musste ich erst mir selbst vertrauen. Ich habe damit angefangen, dass ich mir Sachen zugetraut habe: zu einer festen Zeit aufzustehen, etwas zu essen (nicht zu viel, nicht zu wenig und möglichst gesund) und zu trinken, bestimmte Körpersignale ernst zu nehmen und gut für mich zu sorgen (kein Alkohol, keine Drogen, kein selbst verletzendes Verhalten ect.). Es hat relativ lang gedauert, bis ich Muster gefunden hatte, zum Beispiel dass mir nach dem Trinken von Milch immer schlecht geworden ist. Ich habe dann probiert, was passiert, wenn ich das Muster ausweite (ich habe Milch weggelassen), bis ich sicher war, das für mich beste gefunden zu haben (keine Milch mehr trinken). Das Beispiel mit der Milch kann man eigentlich für alle Dinge nehmen, vom Schlafen bis hin zum Tagesablauf und zur Einnahme von Medikamenten. Viele Medikamente, die ich nehmen musste, haben mein Empfinden gedämpft. Damals war es gut so, weil zu viel auf mich eingestürmt ist und ich nicht alles verarbeiten konnte, ich bin aber froh, dass es heute ohne geht. Ich brauchte auch Vertrauen in mich selbst, um zu verstehen, dass ich mir ein Leben ohne Medikamente zutrauen kann und dass ich es schaffe.

Nachdem ich Vertrauen in mich selbst und in meine Fähigkeiten aufgebaut hatte, konnte ich anfangen, am Vertrauen in andere zu arbeiten. Ich bin immer vorsichtig und ängstlich geblieben und ich habe Probleme damit, neue Leute kennen zu lernen, aber ich vertraue Fremden jetzt schon so sehr, dass ich zum Beispiel Bus fahren, allein einkaufen gehen oder einen unbekannten Ort besuchen kann. Trotzdem fühle ich mich sicherer, wenn jemand dabei ist, dem ich vertraue (John, mein Bruder, Freunde). Vor John hatte ich Beziehungen, die nicht gut für mich waren. Ich war lange sehr wütend deswegen, aber ich habe eingesehen, dass es nicht darum geht, wer am Scheitern einer Beziehung die Schuld trägt, sondern nur darum, dass man sich wie erwachsene Menschen eingestehen kann, dass eben nicht passt und dass man einander Glück mit jemand anderem wünscht.

In der Beziehung zu John musste ich lernen, mit meinem Partner über meine Gefühle zu sprechen. In einem professionellen Umfeld mit Therapeuten konnte ich das, aber jemanden ohne Grenzen in das eigene Herz zu lassen, hat mich mit Panik erfüllt. Ich dachte, wenn ich ehrlich bin und alles erzähle, würde er mich abstoßend finden und ablehnen. Wahrscheinlich haben wir es nur über meine devote Neigung geschafft, viele Dinge zu besprechen, weil John mir gar nicht die Möglichkeit ließ, seinen Fragen auszuweichen.

Das Vertrauen in Gott musste ich nicht aktiv erschaffen, es kam von selbst, aber als Letztes. In meiner Schulzeit war ich jeden Freitag im Gottesdienst, aber ich habe schon als Kind aufgehört, daran zu glauben, dass Gott mich hört, dass er mich retten würde oder dass er sich um mich kümmert. Der katholische Gott hatte keine Macht in meinem Leben, die hatte nur mein Vater. Er war immer stärker als ich, Gott hat mir nicht geholfen. Ich war sehr wütend mit Gott. Andererseits hatte ich solche Sehnsucht nach Gott, dass es sich wie ein Loch im Bauch anfühlte. Als ich mir selbst und anderen vertrauen gelernt hatte, war auf einmal auch Vertrauen in Gott da bzw. in die Gottnatur. Die Natur war mir gegenüber immer fair und gütig, sie hat meinen Hunger gestillt, sie war verlässlich.

Ich glaube, dass SM ein Weg für mich ist, immer wieder Vertrauen zu üben und mein Vertrauen in John zu vertiefen. Ich brauche kein Vertrauen, wenn er mich schlägt, aber ich brauche es, wenn dabei Erinnerungen auftauchen, die mir wehtun und mich quälen. Es braucht Vertrauen, die Kontrolle abzugeben.

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