Om Namah Shivaya

Die letzten beiden Tagen waren sehr intensiv für mich. John ist zur Zeit geschäftlich im Ausland (das heißt während ich das hier schreibe, sitzt er im Flugzeug zurück) und ich habe viel Zeit damit verbracht, über Shiva zu lesen und nachzudenken. Der Freund, der mich auf die Idee gebracht hat, mich Shiva zuzuwenden, um rauszufinden, ob ich Kontakt zu ihm bekommen kann, hat mir eine Postkarte mit einem Shiva-Bild mitgebracht. Ich hatte die Postkarte erst an meinem Schreibtisch stehen, aber es schien mir nicht richtig, dass sie da steht, wo so viele Sachen sind, die gar nichts mit Spirituellem zu tun haben. Eine meiner Mitbewohnerinnen hat mir den Vorschlag gemacht, ich sollte sie an einen Ort stellen, wo nichts anderes steht, weil es sein kann, dass im Laufe der Zeit andere Sachen dazukommen, ähnlich wie bei unserem Naturtisch. Meine Mitbewohnerin ist gläubig und sie hat einen “Altar” in ihrem Zimmer. Für sie ist das alles ganz normal, aber ich komme mir irgendwie komisch und lächerlich dabei vor. Es irritiert mich, weil es überhaupt nicht logisch ist, so etwas zu tun, und weil es trotzdem schön und interessant ist. Ich habe etwas Angst davor, mich auf Shiva einzulassen, weil das für mich alles ganz neu ist. Ich weiß nicht, was passieren wird. Vielleicht passiert ja auch etwas Unangenehmes und dann weiß ich nicht, wie ich es beenden kann.

Meine Mitbewohnerin sagt, ich darf Vertrauen haben. Es ist gut, dass sie nicht gesagt hat, dass ich Vertrauen haben muss, weil das so nicht funktionieren würde. Sie sagt, das es einen Grund dafür gibt, dass ich schon lange von Shiva fasziniert bin und dass es kein Zufall ist, dass ich jetzt das Gefühl habe, dass ich Kontakt zu ihm haben möchte. Sie sagt auch, dass für mich in den letzten Wochen viel passiert ist, zum Beispiel dass ich wieder blogge, weil das eine Art Therapieform für mich ist. Vielleicht will Shiva mir dabei helfen, noch etwas gesünder und stabiler zu werden.

Ich komme mir komisch vor, über Shiva zu reden wie über einen Bekannten oder einen Therapeuten. Wie redet man von einem Gott? Kann ich ihn damit beleidigen, wenn ich zu locker über ihn rede? Hat Gott Humor und kann nachsichtig sein, wenn ein Trottel wie ich etwas falsch macht?

Ich habe das Shiva-Mantra Om Namah Shivaya oft angehört und hatte es dann im Kopf. Bei der Arbeit habe ich Kisten geschleppt und dabei leise gesungen, ohne es zu merken. Meine Kollegin stand hinter mir und sagte, dass sie das Lied auch kennt und dass es schön ist, es mal wieder zu hören. Ich habe mich dafür geschämt, dass sie gehört hat, wie ich singe, weil ich glaube, dass ich das nicht gut kann. Aber das Mantra blieb den ganzen Tag in meinem Kopf. Meine Mitbewohnerin hat gesagt, ich sollte mich einfach mal hinsetzen und das Mantra laut singen. Ihr Vorschlag hat mir Angst gemacht. Ich habe das letzte Mal laut für mich gesungen, als ich noch sehr jung war. Ihr Vorschlag hat mich aber nicht losgelassen und abends habe ich mich in den Garten gesetzt. Ich war am zittern und habe mich geschämt. Ich dachte, vielleicht will Shiva ja, dass ich für ihn singe, und deswegen habe ich am Morgen auf der Arbeit gesungen, ohne es mitzukriegen. Ich dachte aber auch, vielleicht findet er es hässlich, wenn ich singe, oder anmassend. Plötzlich kam ich mir naiv und idiotisch vor. Ich dachte, vielleicht schaut Shiva herunter auf mich und sieht, was ich für ein Mensch bin. VIelleicht will er nicht, dass jemand wie ich Kontakt zu ihm sucht. Ich bin nicht gesund, edel oder heilig. Auf einmal habe ich mich gefühlt wie früher, wenn mein Vater mir das Gefühl gab, etwas Ekelhaftes, Schmutziges zu sein, und ich habe geweint. Ich habe schon lange nicht mehr so sehr geweint. Es fühlte sich an, als würde mein Brustkorb aufbrechen und als kämen Erinnerungen und Schmerzen hoch, die mir gar nicht mehr bekannt waren. Ich dachte: es tut mir leid, dass ich Dich belästigt habe, Shiva, vergib mir. Ich bin zurück ins Haus gegangen. Meine Mitbewohnerin sah, dass es mir nicht gut ging, und wir haben geredet. Sie hat etwas sehr Schönes gemacht, sie hat sich mit mir hingesetzt und zu singen angefangen. Ich habe mich erst nicht getraut, aber dann habe ich mit ihr gesungen. Immer wieder Om Namah Shivaya. Om Namah Shivaya. Am Anfang habe ich mich geschämt, aber dann war es auf einmal ok.

Hinterher haben wir Tee getrunken und geredet. Ich hatte das Gefühl, dass ich Shiva gespürt hätte, aber ich war mir nicht sicher, weil ich keine Erfahrung damit habe, eine Gottheit personalisiert wahrzunehmen. Es war ein warmes Gefühl, als wenn jemand mit Wohlwollen auf mich schaut. Es hat sich angefühlt wie Freundschaft oder nicht-sexuelle Liebe.

In der Nacht habe ich intensiv geträumt. Als ich aufwachte, hatte ich ganz klar das Bild vor Augen, dass ich Sonnenblumen aus dem Garten holen und zu dem Shiva-Bild stellen will (das habe ich gemacht). Meine andere Mitbewohnerin hat mir einen kleinen Räucherstäbchenhalter und ein paar Stäbchen geschenkt. Ich habe eins angemacht. Es war merkwürdig, weil ich bisher gar nicht den Wunsch dazu hatte, aber jetzt kam es mir richtig und auch sehr feierlich vor. Heute hatte ich wieder den ganzen Tag Om Namah Shivaya im Kopf.

Ich habe gebetet: Shiva, kannst Du meine Narben und die dreckigen Dinge sehen, die ich machen musste und freiwillig gemacht habe? Willst Du trotzdem, dass ich an Dich denke und singe und Blumen hinstelle?

Jetzt frage ich mich, wie ein Gott auf Fragen antwortet. Vielleicht ist es falsch, wenn ich annehme, dass mir ein klares Ja oder Nein als Antwort gegeben wird. Meine Mitbewohnerin sagt, vielleicht antwortet Shiva in Symbolen, spontanen Gedanken oder mit Worten, die ich plötzlich grundlos im Kopf habe. Für sie ist das alles viel vertrauter und leichter, und ich bin so froh, dass sie mir hilft. Sonst würde ich an meinem Verstand zweifeln.

Ich habe eine neue Kategorie: Shiva. Es fühlt sich nicht richtig an, Gottnatur und Shiva in einen Topf zu werfen.

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