Struktur

John findet meine Versuche, Kontakt mit Shiva zu machen, interessant, aber er ist Atheist und würde sich nie auf so etwas einlassen. Da Shiva für mich im Moment ein großes Thema ist, reden wir entsprechend viel über ihn, und ich bin sehr früh darüber, dass John mich in meinem religiösen Experiment unterstützt. Es ist komisch, aber ausgerechnet John ist es, der mich darin bestärkt, mir nicht selbst den Weg durch meine ganzen Zweifel zu verbauen. Immer wenn ich “ja, aber” sage, sagt er “kein aber, sondern und”. Er findet, dass meine Gedanken zur Gottnatur und zu Shiva sich nicht widersprechen, sondern sich ergänzen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Shiva als Schöpfer oberhalb der Gottnatur, als Teil der Gottnatur oder als unabhängig von der Gottnatur verstehe. Für John und meine Mitbewohnerinnen ist diese Frage nicht wichtig. Sie finden, dass es typisch für mich ist, so verkopft und technisch an etwas heranzugehen, das nicht wissenschaftlich erklärt werden kann.

Die technisch-wissenschaftliche Seite an etwas zu betrachten, ist für mich aber schon immer eine Methode gewesen, mir in einer chaotischen Welt einen Fixpunkt zu schaffen. Gesetzmäßigkeiten und Konformitäten wirken beruhigend auf mich. Sie sind zuverlässig, auch wenn es bei manchen Sachen Schwankungen und Abweichungen gibt. Ich brauche Struktur und Ordnung, damit ich mich wohlfühle und damit ich zur Ruhe komme. Ich kann zum Beispiel nie den Abwasch einfach über Nacht stehen lassen und werde nervös, wenn bestimmte Sachen in meiner Wohnung oder in meinem Leben in Unordnung sind. Ich brauche Routine und Rituale. Ich könnte nie einfach das Haus verlassen und zwei Wochen in den Urlaub fahren. Ich brauche immer eine gewisse Vorlaufzeit, einen Fahrplan, eine Gepäckliste, eine zusätzliche Checkliste für Urlaubsvorbereitungen ect.

Jetzt kann man fragen, was war zuerst da? Die Hochbegabung oder der Missbrauch? Jedenfalls haben beide dazu geführt, dass ich Struktur als etwas Lebenswichtiges empfinde. Vielleicht ist das auch der Ansatzpunkt für Shiva, der durch seine Meditation die Dinge aus dem Chaos in die Ordnung bringt. Das spricht mich an. Beim biblischen Gott gibt es diesen ordnenden Aspekt auch, aber ich empfinde Jahwe als Despoten. Es macht mir Angst, wie er die Menschen bestraft und tötet, wenn sie ihm nicht gehorchen (Sintflut, Sodom & Gomorrha). Dieser despotische Aspekt, den ich mit meinem Vater in Verbindung bringe, führt dazu, dass ich Jahwe fürchten würde. Er sagt ja auch, dass er geliebt und gefürchtet werden will. Furcht ist für mich aber ein Tor zum Chaos. Wenn Menschen sich fürchten, können sie nicht mehr logisch denken und handeln / reagieren emotional und unlogisch. Ich habe mich genug gefürchtet. Furcht und Ehrfurcht sind für mich zwei ganz unterschiedliche Sachen. Für Shiva fühle ich Ehrfurcht.

Ich habe in den letzten Tagen weiterhin versucht, eine gewisse Ordnung in meinen Kontakt zu Shiva zu bringen. Ich habe versucht, jeden Tag das Mantra Om Namah Shivaya zu singen oder es wenigstens im Kopf zu wiederholen. Ich habe eine Kerze zu seinem Bild gestellt und manchmal ein Räucherstäbchen angemacht. Ich vertrage den Rauch nicht so gut, wenn ich bald danach schlafen gehe, ich muss erst noch lüften. Es ist sehr schwer für mich, nicht dauernd zu denken, dass es Blödsinn ist, einer bunten Postkarte etwas vorzusingen. Meine Mitbewohnerin sagt, dass ich nicht für das Bild, sondern für Shiva singe, und dass das Bild nur eine Hilfe für mich ist, mich auf Shiva zu konzentrieren. In manchen Momenten ist mir das vollkommen klar, in anderen nicht. Ich denke, es ist Angst davor im Spiel, dass Shiva richtig stark auf mich reagieren könnte oder ich auf ihn. Und dann gibt es wieder Zweifel an allem. Existiert Shiva überhaupt oder ist er eine Art manifeste Massenhalluzination? In den Momenten, wo ich mich das frage, geht es mir nicht besonders gut. Wenn ich für Shiva singe oder liebevoll an ihn denke, geht es mir besser. Vielleicht verursacht der Zweifel Missbehagen und es wäre logisch, den Zweifel abzuschalten?

Und wie macht man das?🙂

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