Wahlsonntag

An Sonntagen scheint mir die Zeit immer dickflüssiger und langsamer zu verstreichen, wie Honig, der von einem Löffel tropft, anstatt wie Wasser. Es beginnt mit dem Moment, in dem ich neben John aufwache. Ich versuche, die Augen noch etwas geschlossen zu halten, damit ich ihn hören und neben mir spüren kann, aber meistens muss ich doch bald nachschauen, ob er wirklich da ist. Ich schaue ihn gern an und schaue ihm auch gern bei allem zu, was er tut. Ich mache Frühstück (außer er möchte eine Spezialität aus seiner Heimat haben, die ich nicht so gut hinbekomme, dann steht er am Herd) und wir essen und erzählen dabei. Sonntags sind wir meistens unterwegs, zum Wandern, im Garten, Freunde oder Verwandte besuchen, manchmal auch um andere Männer zu treffen. Abends spielen wir oft Schach oder schauen einen Film. An Sonntagen genieße ich, dass John keine Anrufe bekommt und nicht arbeiten muss.

Als ich die ersten Einträge in diesen Blog gemacht habe, habe ich getippt, dass ich mich oft frage, wieso ein Mann wie John ausgerechnet mit mir zusammen sein will. Ich habe das wieder gelöscht, weil ich dachte, dass es so klingt, als würde ich mich selbst für minderwertiger und nicht gut genug für ihn halten, aber so war das nicht gemeint. John und ich sind ganz unterschiedliche Typen. Er ist ein Business Man und fühlt sich damit wohl. Er sagt, er braucht die Arbeit und liebt die Herausforderungen (was dazu führt, dass er oft sehr lange arbeitet). Ich könnte sein Leben nicht eine volle Woche lang aushalten, und er würde vor Langeweile sterben, wenn er meins leben müsste. Ich bin glücklich darüber, dass wir zusammen sind.

Heute Morgen waren John und ich wählen. Ich bin gespannt, wie es ausgeht und ob wir einen Regierungswechsel haben werden. Heute Abend wollen wir zusammen mit meinen Mitbewohnerinnen und anderen Freunden ein TV-Dinner machen. Das heißt, wir kochen zusammen und essen dann vorm Fernseher und verfolgen die Wahlberichterstattung🙂 Für mich war es nicht leicht, mich zu entscheiden, wen ich wähle. Als Schwuler würde ich eine andere Partei wählen als als Behinderter. Als Bio-Gärtner würde ich eine andere Partei wählen als als Partner eines Mannes, der in der Finanzwelt arbeitet. Aber ich bin alles das in Personalunion und ich musste mich entscheiden. Ich hoffe, ich habe das Richtige gemacht. Normalerweise denke ich, sie sollten jemanden wie mich gar nicht erst fragen, welcher Partei ich meine Stimme gebe. Ich habe immer das Gefühl, dass ich gar nicht genug weiß, um so eine Entscheidung zu treffen, aber ich habe auch nie Lust, mir alle Parteiprogramme durchzulesen. Normalerweise würde man jemanden wie mir überhaupt keine Verantwortung geben, aber bei der Wahl ist das etwas anderes. Da tun alle so, als wäre jeder Mensch wichtig, und ansonsten werden Leute wie ich gemieden oder gemobbt. Ich finde es eine Heuchelei, wenn gesagt wird, wir seien Menschen mit besonderer Begabung, denn alle denken weiterhin, dass wir einfach nur kaputt und behindert sind (ich meine mich und die anderen Behinderten auf der Arbeit). Alle sind froh, wenn sie sich mit uns nicht auseinandersetzen müssen. Wir können die meisten Dinge nicht für uns selbst entscheiden, aber bei der Wahl werden wir dann gefragt.

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