Leistung

Ich habe schon mehrmals davon geschrieben, dass ich nicht so leistungsstark bin wie Gleichaltrige. Nicht in der Schule, nicht im Beruf und auch nicht in allen anderen Lebensbereichen. Was meinen Freunden und meinem Bruder spielend leicht gelingt, ist für mich harte Arbeit und ich muss meistens dafür kämpfen, etwas Vergleichbares wie sie zu schaffen oder annähernd so gut zu sein wie sie. Mein Vater hat mir immer gesagt, dass ich dumm und wertlos bin, und ich habe ihm geglaubt. Wenn mein Bruder gute Noten mit nach Hause brachte und gelobt wurde, hat mich das nicht angestachelt, auch gut zu sein, es hat mir nur das Gefühl gegeben, dass es stimmt, dass ich wirklich wertlos und dumm bin und es gar nicht erst probieren brauche. Ich wusste damals nicht, dass ich hochbegabt bin, aber ich glaube nicht, dass es etwas geändert hätte.

Bei routinierten Abläufen bin ich gut. Wenn ich weiß, was ich tun muss, wenn ich etwas eingeübt habe, kann ich es gut schaffen. Ich bin dabei sicher und zuverlässig. Wenn ich neue Sachen machen soll, brauche ich eine genaue Anleitung. Es geht zum Beispiel nicht, dass mir nur gesagt wird, ich soll mit einer neuen Kaffeemaschine Kaffee kochen. Als die Maschinen mit den Kapseln kamen, war ich vollkommen hilflos, und am Ende habe ich die Kapsel in einer Tasse mit Wasser übergossen. Es hat keinen Kaffee ergeben und für Außenstehende sieht das vielleicht witzig oder verrückt aus, aber eigentlich macht es mich hilflos. Ich weiß ja, dass in der Kapsel Kaffee ist, aber ich komme einfach nicht dran. Wie ein Versuchsaffe, der es nicht schafft. Es hilft mir nicht, wenn Leute dann lachen oder sich darüber lustig machen. Ich brauche einfach eine genaue Anleitung oder jemanden, der mir zeigt, wie es geht, dann kann ich es selber machen. Das Fatale ist, dass ich mit den meisten schriftlichen Anleitungen, wie sie bei elektrischen Geräten dabei sind, nicht zurechtkomme. John sagt, sie sind zu detailliert. Sie verwirren mich.

Neue Sachen zu lernen, ist meistens extrem anstrengend für mich. Eigentlich lerne ich gerne und manche Sachen finde ich leicht, aber in Gebieten, die nicht meine Favoriten sind, tue ich mich schwer. Das betrifft auch zwischenmenschliche Sachen, wobei die durch den Missbrauch auch noch erschwert werden. Im Laden und im Café zu arbeiten, ist ein gutes Training dafür. Ich kann meistens schon fühlen, was Leute wollen, bevor sie es sagen, und ich habe im Gespür, auf welche Art sie behandelt werden wollen. Beispiel: es gibt Leute, die wollen bestimmen. Bei ihnen bin ich freundlich und devot. Es gibt Leute, die sind unsicher und wollen beraten werden. Bei ihnen trete ich sicher und kompetent auf. Ich habe immer gedacht, deswegen hätte ich keine eigene Persönlichkeit, aber ich habe durch den Missbrauch gelernt, mich anzupassen. Das ist nur eine Überlebensstrategie.

In einem sicheren Umfeld komme ich mit neuen Sachen besser klar als wenn ich mich unsicher und unwohl fühle. Wenn ich in eine neue Situation komme, kann ich das am besten, wenn ein vertrauter Mensch dabei ist. Wenn mich eine Situation überfordert, fühlt es sich an, als würde ich einen tiefen Zug von einem Joint nehmen. Mein Gehirn fährt zum Teil herunter. Ich kann dann noch funktionieren, aber ich bin nicht mehr ich selbst. Wie eine leere Hülle. Es hat mich erschreckt, als ich festgestellt habe, das es für Außenstehende nicht ersichtlich ist, wenn ich nicht mehr wirklich anwesend bin. Ich kann das gut kaschieren, solange ich in der Situation bin. Wenn ich dann herauskomme, fühle ich mich total müde und geschafft.

Ich habe lange vermieden, mich neuen Situationen zu stellen. Ich dachte, dann kann mich nichts überfordern und dann sieht keiner, dass ich dumm bin, aber selbst wenn ich die neuen Situationen vermeiden wollte, wollten sie mir nicht aus dem Weg gehen🙂  Jetzt ist mein Leben aber so, dass ich den Mut habe, mich neuen Situationen und neuen Herausforderungen zu stellen. Ich habe John und meine Freunde, die mir helfen, und für die ich nicht dumm bin. Eine seelische Behinderung ist nicht dasselbe wie Dummheit. Ich bin nicht leistungsstark, aber ich kann etwas leisten. Das Schwerste war, das selbst zu akzeptieren, und aufzuhören, sich mit anderen zu vergleichen. Ich denke, es kommt nicht darauf an, dass man perfekt und high-performing ist, sondern dass man sich traut, etwas Neues zu machen.

2 thoughts on “Leistung

  1. mondfeuer says:

    Hallo Blaubeermann,

    Wir kennen uns nicht, aber dein Blog ist mir bei der Netzwirkerin ins Auge gesprungen und hin und wieder bin ich dann hier um deine Beiträge zu lesen.
    Besonders für dieses Post möchte ich dir von Herzen danken.
    Erstens für die Offenheit mit der du geschrieben hast (wie auch die anderen Beiträge) aber auch mit welcher Genauigkeit du verschriftlichen kannst was ich nichtmal im Gespräch verbalisiert bekomme.
    Auch wenn es blöd klingt, aber es tut gut zu lesen dass es auch andere mit einem ähnlichen Background gibt die ähnliches erleben und durchmachen.

    Danke.

    lg
    Mo

  2. blaubeermann says:

    You’re welcome Mondfeuer🙂

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