Halloween

John und ich haben eine Reportage über Halloween geschaut. In England wird es anders gefeiert als in Deutschland. An Halloween gehen die Toten unter den Lebenden um und die Ahnen kommen einen besuchen. Jetzt gibt es auch in den Supermärkten und bei Blumenläden Grabgestecke zu kaufen, die man auf den Friedhof bringt, um zu zeigen, dass man die Toten nicht vergessen hat und dass man sie noch liebhat. John hat mir von seiner Kindheit erzählt, als er noch in England gewohnt hat. Ich bin davon traurig geworden.

Mein Vater ist tot, aber ich will nicht, dass er mich besuchen kommt. Es reicht, dass ich von ihm träume und dass er mich kaputtgemacht hat. Noch mehr Aufmerksamkeit brauche ich nicht von ihm. Ich habe keine Vorfahren, denen ich ein Grabgesteck kaufe, weil ich sie liebhabe oder weil ich sie vermisse. Nur denke ich oft, dass es schön wäre, eine echte Familie zu haben, mit Eltern und anderen Verwandten, wo man sich liebt und besuchen kommt und wo die Menschen sich gegenseitig zuhören und respektieren. Ich will mich nicht beklagen, aber manchmal fühlt es sich wie eine Sehnsucht an, die nie erfüllt werden wird.

Gerade als ich Sehnsucht getippt habe, habe ich mich vertippt und “Sehnsuche” geschrieben. Mir gefällt das Wort. Sehnsucht, die einen zum Suchen veranlasst. Weil ich nämlich eigentlich auch darauf hinauswollte, dass der Missbrauch eine konstante Suche nach einem Ort im übertragenen Sinn geführt hat, an dem ich zuhause bin. Eine Ärztin hat zu mir gesagt, es gäbe diesen Ort nicht in der Welt, sondern nur in mir, und wenn ich in mir zuhause bin, dann sei alles gut. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Das Ich sucht doch immer das Du. Ich fühle mich erst komplett, seit ich mit John zusammen bin. Oder kompletter, denn eigentlich sehne ich mich immer noch nach einer großen Familie. Ich frage mich immer, wie ich heute wäre, wenn es nicht passiert wäre. Es ist eigentlich eine sinnlose Frage, die mich nur traurig macht, aber ich stelle sie mir trotzdem. Vielleicht wäre ich auch anders, wenn ich eine Mutter gehabt hätte.

Manchmal werde ich neidisch und zornig, wenn ich sehe, wie Kinder von ihren Eltern behandelt werden. Wenn die Eltern sie auf den Arm nehmen und so mit ihnen reden, dass die Kinder sich nicht herabgesetzt fühlen, oder wenn sie ihren Kindern wirklich zuhören oder ihnen bloß über den Kopf streichen. Das kann ich das schwarze Loch in mir fühlen und ich vergesse, ob ich mich irgendwo zuhause fühle. Ich muss dann einfach wegrennen und etwas machen, damit ich das nicht mehr spüre.

2 thoughts on “Halloween

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Als ich deinen Artikel gerade las, musste ich daran denken, dass ich deine Gefühle zu einem guten Teil nachempfinden und verstehen kann. Den Neid meine ich.

    Die Zeiten an denen Familien zusammen kommen waren in der Vergangenheit bei mir immer die Zeiten der schlimmsten Krisen, da ich mich unendlich einsam gefühlt habe. Weihnachten… Geburtstage… daher habe ich irgendwann aufgehört sie zu feiern (auch die heidnische Versionen der Feste wie Jul).

    Wie du habe ich praktisch keine nennenswerte Familie, nur meinen Mann, der mir diesbezüglich alles ist. Meine Mutter lebt zwar noch aber unser Kontakt ist kompliziert und von Geborgenheitsgefühlen brauch man da nicht zu reden. Ich habe auch keine Freunde, die ich als Ersatzfamilie sehen könnte.

    Und jetzt kommt Allerheiligen… mir ist nicht danach auf den Friedhof zu gehen und Blumen auf das Grab meiner Oma zu legen weil ich ihr noch zu sehr grolle… wegen ihr bin ich eine Person die massive Probleme hat mit sich selbst klar zu kommen. Weder will ich, dass sie mich besucht, noch will ich zu ihr. Das werde ich erst tun, wenn ich soweit bin ihr zu vergeben. Und ich denke, das ist ok, selbst wenn es dieses Leben nicht mehr passiert. Wir können aber den Totengöttern Essen überlassen… ich werde das wie die letzten Jahre schon, für die nordische Hel tun. Und mein Mann und ich werden trotzdem Kürbisse schnitzen, vielleicht in den Wald gehen oder auf einen neutralen Friedhof.

    Es gäbe Apsekte von uns nicht, wenn wir nicht unsere Vergangenheit hätten. Und dass manche dieser Aspekte auch gut und nützlich sind, habe ich erst jetzt verstanden. Ich denke, dass Ich braucht das Du um sich selbst zu erkennen, unabhängig davon, ob man in sich selbst zuhause ist oder nicht.

    Vielleicht schaffst du es für dich selbst kleine Rituale zu finden, mit eigenen Bedeutungen. Im Kleinen, ohne auf die Welt dabei zu blicken. Soweit ich weiß hat auch Shiva einen starken Todesgott-Aspekt. Vielleicht kann Er dir helfen in dem Zusammenhang mit deinen Gefühlen konstruktiv umzugehen.

    Gruß
    Solvey

    • Blaubeermann says:

      ja, Lord Shiva hat den Aspekt eines Totengotts. Bisher habe ich mich damit noch nicht sehr beschäftigt, weil es mich erschreckt. John und ich haben auch Kürbisse ausgekratzt und geschnitzt und wenn die Kinder zum Sammeln kommen, haben wir Süßes für sie.

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