Freitag im November

Gestern war ein komischer Tag. Ich musste zum Arzt. Eigentlich vermeide ich es, zum Arzt zu gehen, aber ich brauchte ein Rezept und er hat gesagt, ich bekomme keins, wenn ich nicht zum Termin komme. S sagt, eigentlich macht es ja einen guten Arzt aus, dass er sich um seine Patienten kümmert und nicht einfach ein Rezept nach dem anderen ausstellt, ohne die Leute zu sehen, aber mich triggert ein Arztbesuch immer. Ich mag die Situation nicht, wie er da sitzt und ich das Gefühl bekomme, er ist mir so überlegen und weiß Sachen über mich, die sonst keiner weiß (nicht mal ich selber). Ich mag nicht, wie er mich anfasst, zur Begrüßung die Hand gibt oder wenn ich untersucht werde. Ich mag es nicht, wenn ich beim Abhören den Oberkörper entblößen muss und ich schäme mich, wenn er sieht, dass John Lovemarks hinterlassen hat, weil er das nicht kapiert und mich dann fragt, ob mein Partner mich schlägt LOL

Nach dem Arzt musste ich in den Laden. Ich habe schon geholfen, weihnachtlich zu dekorieren. Ich habe auch ein Problem mit Weihnachten. Ich kann es zwar genießen, jetzt, weil es anders ist als früher, aber Weihnachten triggert auch immer soviel. These are the days when I tend to dream about what my father did one Christmas day back in (I think) 1988. He didn’t make me a present and I saw he got carried away watching me as my brother unwrapped his gifts. Later he came to me and said something like “für dich habe ich ein besonderes Geschenk”. Well, these are some scars one can still see on my back, my “Christmas scars”, as I call them in my darker hours, when I mock myself. It’s strange. If you laugh about these things, people think you’re crazy. But it’s just that I go insane if I take this too serious or if I make myself aware of his malice. I can’t talk about my father without laughing. Yeah, that’s how you receive the diagnosis of emotional disorders in Germany, HAHA!

Im Café war es ein guter Tag. Die Leute waren gut gelaunt und es war angenehm, sie zu bedienen. Aber in der Weihnachtszeit merkt man auch, dass manche Leute sich einsam fühlen und dann reden wollen. Viele sagen, dass ich gut zuhören kann, aber manchmal denke ich, ich kann nur darum gut zuhören, weil ich immer versucht habe, selbst nicht wahrgenommen zu werden. Ich habe dann Angst, dass etwas, das die anderen an mir schätzen, gar nicht wirklich in mir existiert.

John kam früher nach Hause und er wollte shoppen gehen. Für John ist es Genuss, wenn er sich etwas Schönes kauft, für mich ist es oft mit Stress verbunden, wenn ich in die Innenstadt muss. John ist es auch egal, ob die Leute uns anglotzen oder dumme Sachen sagen, wenn wir Händchen halten, und ich glaube, die meisten halten den Mund, weil John das ausstrahlt, dass er kein disrespectful behaviour duldet. Ich ertrage das nicht gut, wenn Verkäuferinnen mit John flirten. Ich weiß dann nie, ob das nur eine Verkaufsmasche ist oder ob sie ihn attraktiv finden. Ich habe kein Recht dazu, Besitzansprüche zu erheben, aber manchmal tut es mir weh. Ich weiß, dass ich warten muss, bis John mich fragen will, aber ich wäre so gerne mehr als nur sein Freund. John hat gestern viel eingekauft und wollte mir auch etwas zum Anziehen kaufen. Ich habe einen kurzen Mantel und einen Pulli ausgesucht. Es ist komisch für mich, soviel Geld für Kleidung auszugeben, aber seit wir zusammenleben, will John, dass ich mich besser kleide. Oder anders kleide, jedenfalls etwas teurer und etwas weniger sportlich und mehr elegant. Aber ich sehe dumm aus, wenn ich einen Schlips trage, das gehört nicht zu mir. Aber er sagt, er mag es, wenn ich Kleidung trage, die etwas mehr “a man’s man” ist, also mache ich das. Und eigentlich mag ich es auch, aber es ist schwer für mich, zu akzeptieren, dass er soviel Geld für mich ausgibt. Ich habe das Geld meines Vaters abgelehnt und nehme nur, was ich zum Leben wirklich brauche. Ich will kein Geld. S sagt, ich habe es ehrlich verdient, aber ich finde, es ist ok so. Und John sagt, ich soll common damit werden, auch sein Geld auszugeben. Manchmal drückt er mir Geld in die Hand und sagt “go, buy something you like”. Es fällt mir schwer, es nicht für Essen oder sinnvolle Sachen auszugeben, sondern einfach so zu verprassen. Geld ist immer ein Thema im Leben, auch wenn man so tut, als wäre das nicht so. Es ist komisch, dass ich so viele Menschen in meinem Leben habe, die Geld haben.

Danach waren wir essen. John akzeptiert, dass ich Vegetarier bin, und ich akzeptiere, dass er es nicht ist. Es geht im Alltag gut zusammen, weil ich Fleisch und Fisch zubereiten kann und es auch mache. Manchmal denke ich, dass das Essen von Fleisch auch etwas ist, das ich den Alpha Males zuordne, weil es irgendwie so betont männlich sein kann. Es hat etwas aggressives, aktives.

Persönlicher Gott

Ich habe bei Solvey gelesen, dass sie religionswissenschaftliche Fakten von ihrem persönlichen Bezug zu Apollon abhalten. Ich habe mich gefragt, ob das vielleicht auch ein Ansatz für mich ist, wenn ich es so betrachten würde. Bisher habe ich versucht, etwas über Lord Shiva zu lernen, und dann das Gelernte mit meinem Empfinden übereinander zu bringen. Ich dachte, es könnte Shiva beleidigen, wenn ich Ihn ganz anders wahrnehme, als es vorgegeben ist in Literatur, Kunst oder durch die Menschen der indischen Gesellschaft, die Ihm huldigen und die sich genau an die Überlieferungen halten. Ich weiß es immer noch nicht sicher. Ich will nicht, dass Lord Shiva mich anmassend findet. Und ich will mich selbst auch nicht anmassend finden. Ich finde, das steht mir nicht zu.

Eigentlich wird Lord Shiva mit einem Tigerfell und mit Kobras dargestellt, meistens mit schwarzem Haar und meditierend. Manchmal kommt Er mir aber eher wie

Ich weiß nicht mal, ob ich das schreiben kann, oder ob es blasphemisch ist, wenn ich es mache. Ich hoffe, Er kann mir verzeihen, wenn es blasphemisch ist.

Manchmal kommt Er mir eher wie ein Penner vor. Wie jemand, dem es nicht wichtig ist, dass Er etwas repräsentiert und dass alle denken, dass Er well-situated und gebildet ist. Er kommt mir so vor, als wäre Er sich immer selbst genug und als würde Er immer eine bestimmte Distanz zur Welt halten. Also schon Teil von ihr sein, aber nicht so verstrickt wie wir Menschen. Und eigentlich gibt man Lord Shiva Blüten, Feuer, Gesang und Speisen, die es in Indien gibt, aber ich denke manchmal, dass Er lieber davon kosten möchte, was ich ohnehin koche und auch esse, even if it is not fancy, just because it’s bought and cooked by me. Ist das arrogant und hochmütig?

Ich habe Angst davor, dass ich mir einbilde, dass Lord Shiva zu mir eine persönliche Beziehung haben könnte, weil ich nicht weiß, ob ich das wert bin. Ich wäre es gerne wert.

Kälte

Als ich heute Morgen das Haus verließ, war es sehr kalt. Schon die letzten Tage musste ich mein Auto freikratzen. Ich dachte, dass ich früher besser die Kälte ausgehalten habe. Auf der Strasse ist es kalt, wenn man Pecht hat, bis in den Juni, und dann wieder ab September. Nasse Kälte mit Regen ist schlimm, weil man sich nicht gut vor ihr schützen kann, aber Winterkälte mit Minustemperaturen ist das Schlimmste, weil sie einen müde und dösig macht und man sehr schnell krank wird. Nach dem Leben auf der Strasse war ich Kälte gegenüber weniger empfindlich. Ich konnte mit einem Hemd rausgehen, wenn der erste Schnee fiel, es hat mir nichts mehr ausgemacht. Jetzt ist es anders geworden. Ich scherze, dass ich alt und weich geworden bin, aber ich sehe Schmerz in John’s Augen, wenn ich das sage. Es ist nicht rational, aber er macht sich Vorwürfe, weil wir uns nicht früher begegnet sind. Ich wiegele es ab und sage, früher hätte er mich nicht angesprochen und es nicht akzeptiert, wenn ich ihn angesprochen hätte. Und es ist wahrscheinlicher, dass ich ihn um Geld angebettelt hätte als dass ich ihn gefragt hätte, ob er Schach spielt.

An solchen Tagen kommen Erinnerungen an die Oberfläche. Der Geruch nach Wärme und Urin in öffentlichen Toiletten oder der Duft einer Currywurst, wenn ich genug Geld hatte. Auf dem Weihnachtsmarkt roch es nach kandiertem Zucker und Glühwein und manchmal hatte ich Glück und fand etwas Süßes im Müll. Auf der Strasse habe ich immer nur in Kalorien gedacht, nicht in Vitaminen. Da rechnete ich, eine Pommes hat viel Fett, Süßigkeiten Fett und Zucker, das lässt mich den Tag durchhalten. Wenn es sehr kalt ist, braucht man mehr Kalorien.

Als ich schon mal über das Leben auf der Strasse geschrieben habe, habe ich absichtlich eine Irreführung begangen. Ich habe geschrieben, dass man auf der Strasse nicht sagt, dass man schwul ist, weil die anderen dann direkt denken, dass man anschaffen geht. Ich wollte es so aussehen lassen, als hätte ich kein Geld für Sex genommen. Aber ich habe das gemacht. Es war mir egal. Es hat mir nichts bedeutet. Es ging schnell und war anonym. Manchmal tat es weh, aber ich habe nicht darüber nachgedacht. Dass Sex etwas ist, das wehtut, habe ich schon gekannt. Es war mir auch egal. Nicht mal als sie später den HIV-Test gemacht haben, war es mir wichtig. Ich dachte, ich muss sowieso sterben und es ist egal, wann. Ich habe einfach Glück gehabt. But I guess that’s why wearing the chastity device is of such enormous importance for me. I try to purify myself in some strange way.

Ich denke dann auch an meinen Bruder, der mich auf der Strasse gesucht hat, als unser Vater tot war. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, wie er mich angesehen hat, als er mich gefunden hat. Ich habe nie den Fehler gemacht, Drogen zu nehmen, aber Alkohol hat manchmal geholfen. Heute trinke ich gar nichts mehr, noch nicht einmal an Geburtstagen oder Feiertagen.

Und dann denke ich an John und Lord Shiva. Für mich sind sie beide wichtige Autoritäten in meinem Leben und dann denke ich, ich habe Angst, dass sie sehen, wie wertlos und verkommen ich im Kern bin. Ich kann nichts ungesagt oder ungetan machen, aber ich würde es gern. Ich denke dann, wenn ich nur gewusst hätte, wo ich John damals gefunden hätte, dann wäre ich zu ihm gelaufen und es wäre besser gewesen. Aber das ist irrational.

Kontrolle

Als ich gestern vom Yoga nach hause gefahren bin, habe ich im Auto ein Lied im Radio mitgesungen. Das mache ich eigentlich nie, weil ich finde, dass ich nicht gut singen kann (vielleicht außer geheuchte Happy Birthdays :-)), aber gestern war es ein spontaner Affekt und ich habe es einfach gemacht. Es war schön und hinterher dachte ich, vielleicht ist das ein Weg, etwas mehr Verspieltheit in meine Beziehung zu Lord Shiva zu bringen. Normalerweise versuche ich, mich sehr stark zu kontrollieren. Ich versuche, mich von außen zu betrachten und herauszufinden, ob ich gerade stehe, ob meine Kleidung ordentlich ist und wie das, was ich mache oder sage, auf andere Personen wirkt.

Auf meine Weise bin ich ein Kontrollfreak. Ich versuche zwar nicht, mein Umfeld und meine Mitmenschen zu kontrollieren, aber ich kontrolliere mich selbst permanent und korrigiere, was nicht genau in meinen Plan passt. Wenn ich einer Situation ausgeliefert bin, wo jemand anders meinen Plan durcheinanderbringt, stresst mich das. Zum Beispiel wenn ich verabredet bin und meine Verabredung zu spät kommt. Oder wenn es einen Stau gibt oder etwas im Laden ausverkauft ist, was ich für das Abendessen gebraucht hätte.

Ich mache noch nicht lange Puja für Lord Shiva, aber ich habe jetzt gemerkt, dass ich auch da meiner Neigung, Regeln aufzustellen, nachgekommen bin. Wenn ich versuche, den Ablauf zu verändern, fühlt sich das schräg und komisch an. Dabei wäre ich gern offener, freier und spontaner.

Self-Love And Lord Shiva

As I have already stated before, I use to dream and think in English quite often. I feel language does matter in terms of dealing with my own reality. I feel German is my father’s language and many words and phrases trigger memories and bad feelings (even everyday words like “Kaffee”). I can’t follow people who claim language does not matter and who try to focus on the content words provide only. I am not able to do so. Plus, I find German sounds rather harsh and like a commanding tone. So, I think I come well off with an English partner and a best friend from American origin 🙂

Now I was pondering on the question how language influences the idea I have of Lord Shiva. When I think of Him, I call Him Lord Shiva, not Herr Shiva or Gott Shiva. I feel comfortable with calling Him Lord Shiva, just like I would talk to or about a friend and someone I am close with. When I try to imagine Him as Herr Shiva, I feel distance between us. It’s nothing I would call logial, but just a feeling I have.

When I started to deal with Him, I was very much in doubt about His ability to accept me the way I am. I find myself insufficient in many aspects of life and definately not pure enough, in a ritualistic sense. It seems as if I’m simply not able to keep myself from “dirty” thoughts, mostly concerning sex, but also regarding violence. Well, this is one aspect I have never written about before, but although I am a passive being and have never had the tendency to fight, I have very violent thoughts, not only about myself. I think the major part of what you might call self-discipline is held up by those violent thoughts about myself. Self love is so much more difficult to create than those forcible toughts. When I feel like “um, I’m really not in the mood for vacuuming the livingroom”, there’s one part of myself which thinks “you better get your lazy ass moving, you useless son of a bitch, or I’ll fucking kick your stupid head in!”. I guess altought I tend to think and dream in English, my father found his way right inside my head, hu? I am very reckless with myself and don’t respect natural borders. I am not very kind with myself.

So, last night I dreamt of Lord Shiva. I was standing in a very big house with a huge stairway leading upstairs. I wanted to see what’s on the first floor, but I could not go on the stairway because a young man stepped into my way. He asked me whether I could tell the password, and I thought, dammit, you fucking idiot, you lost it! It seemed the young man knew what I was thinking. He smiled and I suddenly felt naked and as if He had taken a close look inside my soul. I felt ashamed for being so rude to myself and simultaneously I knew He was Lord Shiva. He said I should understand that there are neither rights nor wrongs. When He said so, I suddenly remembered the password. I don’t remember it precisely, but it felt like it had to do with acceptance, but again I thought “nah, stupid asshole, that can’t be right!”. Lord Shiva again smiled at me, but He did not let me pass. I woke up with palpitations and heavy breathing.

Usually my dreams are not very hard to interpret, and so isn’t this dream, I suppose. Altought I’d say I somehow love Lord Shiva, it is still almost unthinkable for me that He might love or even like me. Me, that powerless wimp, ha! But I feel like I should try harder to improve the opinion I have about myself. Am I not trying the best I can to be an upright person, do my duties, be kind to everyone? Well, supposedly not to everone. Not to myself. So I thought it would be good to offer one more task to Lord Shiva: I will try to think better of myself. I will try to be loving to myself an respect myself. Ugh, this might be a hard one…

Verspieltheit

Zur Zeit hilft es mir sehr, jeden Tag Puja für Lord Shiva zu machen. Sie ist ein fester Teil in meinem Tag geworden und ich fühle mich zum Glück nicht mehr so unsicher wie am Anfang. Jetzt aber fühle ich manchmal, dass es mir nicht mehr reicht, einem ritualisierten Ablauf zu folgen, sondern dass ich mit derselben Verbindlichkeit und mit demselben tiefen Respekt freier Puja machen möchte. W und seine Freunde haben mich beim Ritual für Yemaya sehr inspiriert, weil alles kreativer und bunter und mehr intuitiv war als es bei mir bisher war. Es ist eben meine Art, die Sachen zu strukturieren.

Der Aspekt des Spielens ist für mich im Augenblick sehr wichtig, auch wegen dieser Dad-son-Sache. Normalerweise beziehe ich Spiele und auch den Terminus nur auf BDSM oder Schach (oder andere Spiele in geselliger Runde bei Freunden). John und Lord Shiva hatten etwa zeitgleich den Rat für mich, ich sollte nicht alles so ernst nehmen, sondern mehr Leichtigkeit und Verspieltheit in mein Leben bringen. Das fällt mir extrem schwer, weil ich immer fürchte, wenn ich von der Regel abweiche und etwas Intuitives, Spontanes mache, dann gerät die Ordnung durcheinander, die ich (recht krampfhaft LOL) in meinem Leben aufrechthalte.

Jetzt suche ich nach Möglichkeiten, mehr Leichtigkeit in meine Pujas zu integrieren bzw. mit John im Alltag zu erleben.