Kälte

Als ich heute Morgen das Haus verließ, war es sehr kalt. Schon die letzten Tage musste ich mein Auto freikratzen. Ich dachte, dass ich früher besser die Kälte ausgehalten habe. Auf der Strasse ist es kalt, wenn man Pecht hat, bis in den Juni, und dann wieder ab September. Nasse Kälte mit Regen ist schlimm, weil man sich nicht gut vor ihr schützen kann, aber Winterkälte mit Minustemperaturen ist das Schlimmste, weil sie einen müde und dösig macht und man sehr schnell krank wird. Nach dem Leben auf der Strasse war ich Kälte gegenüber weniger empfindlich. Ich konnte mit einem Hemd rausgehen, wenn der erste Schnee fiel, es hat mir nichts mehr ausgemacht. Jetzt ist es anders geworden. Ich scherze, dass ich alt und weich geworden bin, aber ich sehe Schmerz in John’s Augen, wenn ich das sage. Es ist nicht rational, aber er macht sich Vorwürfe, weil wir uns nicht früher begegnet sind. Ich wiegele es ab und sage, früher hätte er mich nicht angesprochen und es nicht akzeptiert, wenn ich ihn angesprochen hätte. Und es ist wahrscheinlicher, dass ich ihn um Geld angebettelt hätte als dass ich ihn gefragt hätte, ob er Schach spielt.

An solchen Tagen kommen Erinnerungen an die Oberfläche. Der Geruch nach Wärme und Urin in öffentlichen Toiletten oder der Duft einer Currywurst, wenn ich genug Geld hatte. Auf dem Weihnachtsmarkt roch es nach kandiertem Zucker und Glühwein und manchmal hatte ich Glück und fand etwas Süßes im Müll. Auf der Strasse habe ich immer nur in Kalorien gedacht, nicht in Vitaminen. Da rechnete ich, eine Pommes hat viel Fett, Süßigkeiten Fett und Zucker, das lässt mich den Tag durchhalten. Wenn es sehr kalt ist, braucht man mehr Kalorien.

Als ich schon mal über das Leben auf der Strasse geschrieben habe, habe ich absichtlich eine Irreführung begangen. Ich habe geschrieben, dass man auf der Strasse nicht sagt, dass man schwul ist, weil die anderen dann direkt denken, dass man anschaffen geht. Ich wollte es so aussehen lassen, als hätte ich kein Geld für Sex genommen. Aber ich habe das gemacht. Es war mir egal. Es hat mir nichts bedeutet. Es ging schnell und war anonym. Manchmal tat es weh, aber ich habe nicht darüber nachgedacht. Dass Sex etwas ist, das wehtut, habe ich schon gekannt. Es war mir auch egal. Nicht mal als sie später den HIV-Test gemacht haben, war es mir wichtig. Ich dachte, ich muss sowieso sterben und es ist egal, wann. Ich habe einfach Glück gehabt. But I guess that’s why wearing the chastity device is of such enormous importance for me. I try to purify myself in some strange way.

Ich denke dann auch an meinen Bruder, der mich auf der Strasse gesucht hat, als unser Vater tot war. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, wie er mich angesehen hat, als er mich gefunden hat. Ich habe nie den Fehler gemacht, Drogen zu nehmen, aber Alkohol hat manchmal geholfen. Heute trinke ich gar nichts mehr, noch nicht einmal an Geburtstagen oder Feiertagen.

Und dann denke ich an John und Lord Shiva. Für mich sind sie beide wichtige Autoritäten in meinem Leben und dann denke ich, ich habe Angst, dass sie sehen, wie wertlos und verkommen ich im Kern bin. Ich kann nichts ungesagt oder ungetan machen, aber ich würde es gern. Ich denke dann, wenn ich nur gewusst hätte, wo ich John damals gefunden hätte, dann wäre ich zu ihm gelaufen und es wäre besser gewesen. Aber das ist irrational.

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