Gefühle und Disziplin

Heute hat Sólveig darüber geschrieben, dass es einen aus der Bahn werfen kann, wenn man seinen Gefühlen zuviel Platz einräumt, vor allem wenn man bestimmte psychische Probleme hat, und dass es dann hilfreich ist, wenn man sich diszipliniert.Ich hoffe, es ist ok, wenn ich aus meiner Sicht etwas dazu schreibe.

Ich verberge meine Gefühle hinter Fakten, Regeln und Disziplin. Meistens werde ich für nett, aber reserviert gehalten. Es fällt mir sehr schwer, Gefühle zu zeigen. Früher war es noch schlimmer. Seit ich mit John zusammen bin, ist es besser geworden. Ich hatte mir auch antrainert, möglichst wenig Emotionen durch Gestik und Mimik nach außen zu zeigen. Das fing schon in meiner Kindheit an und hängt mit dem Missbrauch zusammen. Wenn man immer wieder verletzt wird und man keine Privatsphäre hat außer in seinem Kopf, dann macht man dicht, damit man noch etwas für sich behalten darf. Wenn es heute einen Konflikt gibt, dann merke ich, dass ich dichtmache und dann auch nicht mehr richtig erreichbar bin. Ich hatte mal einen Autounfall. Eigentlich war das nicht schlimm. Ich fuhr geradeaus und ein anderer zog auf meine Spur. Es war nur ein Blechschaden, aber ich habe Tage gebraucht, um danach wieder ansprechbar zu sein. Ich habe schon mitbekommen, dass andere Leute auf mich eingeredet haben, aber ich war ganz in mir drin. So war das bei jeder Krise. Erst mit John habe ich gelernt, mehr rauszulassen. Ich soll gute Sprache benutzen, aber wenn ich wütend bin und dann fluche, dann akzeptiert John es oft doch, weil er weiß, dass es schwer für mich ist. Ich beschimpfe immer eher mich als andere, wenn andere etwas falsch machen oder etwas tun, das ich nicht möchte. Wenn mir jemand zu nah kommt, dann sage ich mir, dass ich doch ein dämliches Arschloch bin, dass mir das überhaupt was ausmacht, und dass ich mich nicht so anstellen soll, anstatt dass ich dem anderen sage, er kommt mir zu nah und soll bitte etwas Abstand halten. Ich musste viel daran arbeiten, erst einmal meine Grenzen überhaupt zu erkennen. Ich habe eigentlich alles mit mir machen lassen und die Wut über die Hilflosigkeit immer nach innen auf mich selber gerichtet.

Im Inneren ist sehr viel Chaos gewesen, weil alles darin eingeschlossen war. Je mehr Chaos da war, desto mehr Angst hatte ich auch davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich hatte bei ganz banalen Sachen Angst. Beim Lachen bei einem Film oder beim Lächeln, wenn man beim Bäcker danke sagt. Mehr Angst hatte ich nur noch vor Gefühlen wie Wut, Zorn und Hass. Ich habe das gegen mich selber gerichtet und mir weh getan, wenn innen kein Platz mehr für die Gefühle war und das Chaos zu schlimm war. Es hat mir Erleichterung verschafft, aber es war zerstörerisch und schlecht. Ich hatte früher auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich mir mit einer Scherbe den Bauch zerkratzt habe, und heute finde ich den Gedanken entsetzlich.

Ich habe Gefühle von anderen imitiert. Ich habe sie beobachtet und nachgemacht, was sie gemacht haben, aber es hat nicht funktioniert. Dann habe ich meine Gefühle weggeschlossen und versucht, wie eine Maschine zu sein, weil ich dachte, dass eine Maschine ja auch keine unangenehmen Gefühle hat. Es hat nicht funktioniert. Als ich mich in John verliebt habe, hat es mich unsicher gemacht, weil ich das Gefühl nicht kannte, so glücklich zu sein. Ich habe das Gefühl auch nicht direkt erkannt. Ich dachte, ich bin krank LOL Es war immer ok, wenn er mir weh getan hat, aber wenn er hinterher schmusen wollte, dachte ich, ich drehe durch, obwohl ich das auch wollte. Ich musste das lernen. Er sagt, eigentlich war ich wie ein geprügeltes Tier, das eigentlich will, dass man es berührt und nett zu ihm ist, das aber so viel Angst hat, dass es immer wieder wegrennt oder beißt. Er hat viel Geduld gebraucht. Heute bin ich sehr verschmust und wenn wir wenig Zeit haben, dann fehlt es mir. But that Dad-son-thing still freaks me out LOL

Ich brauche Regeln, damit mein Leben funktioniert. Ich habe Angst vor zu großer Freiheit. Ich brauche Begrenzungen. In emotional anstrengenden Situationen like with diapers and dummy or so brauche ich etwas, woran ich mich festhalten und orientieren kann. Wenn John da ist, ist es gut, aber manchmal brauche ich auch einfach die Manschetten an den Handgelenken und ein Halsband, weil es sich anfühlt, als würde ich auseinanderbrechen, wenn es nicht da wäre. Ich finde die Vorstellung von absoluter Freiheit sehr beängstigend.

6 thoughts on “Gefühle und Disziplin

  1. Alexis Sólveig Freysdóttir says:

    Es ist lustig, dass du das Thema von dir aus aufgegriffen hast, ich wollte dir eine Mail dazu schreiben🙂

    • Blaubeermann says:

      es hat mich sehr angesprochen🙂

      • Alexis Sólveig Freysdóttir says:

        Ich beschäftige mich gerade sehr mit dem Thema “Disziplin” (Aufgabe von Herr A.). Was ist deine Motivation für Disziplin? Angst? Der Wunsch zu gefallen? Ein Ziel erreichen?
        Ich versuche gerade für mich selbst eine Motivation zu finden. Angst ist zwar ein guter Motivator, ist aber schädlich für die Psyche. Herr A. will auch nicht, dass ich Ihn fürchte, da Furcht eine Distanz schafft.
        Wie denkst du über dieses Thema so allgemein?

  2. Blaubeermann says:

    ich ertrage Chaos nicht gut. Regelmäßigkeit, Struktur, Ordnung und Disziplin vermitteln mir Sicherheit. Mir fällt Disziplin auch nicht schwer, aber Chaos, Zufall und Willkür schon. Ich habe gelernt, Chaos in einem begrenzten Rahmen zu ertrage, wenn ich weiß, dass es wieder vorübergeht, aber es fällt mir trotzdem schwer. Ich musste lange und hart daran arbeiten, mehr spontan zu sein, weil es mich aus der Bahn geworfen hat, wenn spontane Dinge passierten oder ich spontan sein sollte. Bei John habe ich gelernt, dass es auch Regeln gibt, wenn er spontan unsere Planung für das Wochenende oder so umwirft, und daher weiß ich, dass er der “Fels in der Brandung” ist. Ich brauche jemanden oder etwas, an dem ich mich festhalten kann, Disziplin oder John oder auch bestimmte Kleidung. Ich brauche Grenzen. Wenn es das alles nicht gab, bin ich immer abgerutscht, weil ich mich haltlos und orientierungslos gefühlt habe. Das war nie gut für mich.

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