Geld

Normalerweise redet man nicht über Geld, man hat es oder nicht. Ich brauche nicht viel zum Leben und es fällt mir schwer, Geld für Sachen auszugeben, die nur schön und nicht nützlich sind. John hat im letzten Sommer gesagt, dass ich eigenes Geld haben soll, und es so eingerichtet, dass ich jeden Monat einen Betrag auf ein Konto bekomme. Von dem Geld soll ich mir Kleidung kaufen oder Sachen, die mir sonst noch gefallen. Bei John und mir sind es zwei Welten, die aufeinander prallen. Er kauft sich gern neue Sachen und gibt die alten in die Sammlung. Ich trage meine Sachen sehr lang und flicke sie auch, wenn sie Löcher bekommen sollten oder wenn ein Knopf ab ist. John möchte, dass ich mich mehr männlich und weniger wie ein Junge kleide. Ich trage am liebsten Jeans mit einem T-Shirt oder Pulli, aber er mag lieber Hemden und Saccos an mir. Ich fühle mich darin manchmal zu angezogen, aber es gibt auch Sachen, die ich gerne trage. Aber eigentlich wollte ich gar nicht über Kleidung schreiben.

Wir waren bei einem Mitarbeiter von John zum Essen eingeladen. Es ist für mich problematisch, wenn ich John bei solchen Anlässen begleiten soll, weil ich dann schon direkt weiß, dass alle anderen in einer anderen Gesellschaftsklasse leben und nicht alle damit so unbefangen sind wie John. Viele lassen es mich spüren, dass sie finden, dass ich unverschämtes Glück gehabt habe, dass John mich geheiratet hat. Als John die Einladung überbracht hat, hätte ich am liebsten gesagt, dass ich nicht mit ihm gehe, aber das kann ich nicht machen. Es wäre unhöflich und außerdem bin ich ja eigentlich froh, dass sie es akzeptieren, dass er schwul ist. Es gibt viele Männer in seiner Branche, die schwul sind, aber die meisten verstecken es, weil sie Angst haben, nicht mehr akzeptiert zu werden.

Ich weiß, dass es vorverurteilend war, aber schon als wir das Haus von dem Mann betraten, habe ich gedacht, dass der Abend nicht gut verlaufen wird. Es gibt Häuser, wo Menschen drin wohnen, und es gibt andere Häuser, die man hat, um mit ihnen anzugeben (Love, don’t be mad with me). Wir wurden herumgeführt und sollten alles bewundern, was er hatte. Bilder, Porzellanfiguren, Teppiche und alles andere. Ich habe mich nicht gut gefühlt. Wir haben dann am Esstisch gewartet und der Hausherr und seine Frau haben gekocht. Es war eine offene Küche und wir konnten ihnen zusehen und uns trotzdem mit ihnen unterhalten.

Es waren auch noch andere Gäste da. Ich hatte mit ihnen nichts zu erzählen, weil sie das Gespräch als beendet angesehen haben, wo ich gesagt habe, dass ich stundenweise in einer Einrichtung für Behinderte arbeite. Eine Frau dachte, ich wäre da ein Aufseher (sie hat wirklich Aufseher gesagt), aber ich habe gesagt, dass ich das nicht bin. Ich habe gesagt, dass ich auch behindert bin, und dann gab es nichts mehr zu sagen und sie hat John den ganzen Abend behandelt, als wenn sie Mitleid mit ihm hätte, und mich, als wäre ich schwerhörig. Es war sehr erniedrigend. Die Gastgeber wussten, dass ich Vegetarier bin, und ein anderer aß auch kein Fleisch und wir bekamen etwas abgewandelte Speisen. Das Essen war gut, aber es hat mich gestört, mit welchem Pomp es serviert wurde. Es reichte kein normaler Wein, es musste ein teurer sein (ich trinke keinen Wein und ich kann auch einen teuren nicht von einem billigen unterscheiden). Das Salz war eingeflogen. Das Brot war aus besonderem Mehl, extra aus Italien. Und so war alles ganz besonders und teuer. Beim Essen haben alle erzählt, was sie haben und wo sie Urlaub machen und welche ausgefallenen Sachen die sich kaufen können und dass alle sie immer mit Respekt behandeln. Hotelangestellte sind für sie Kakerlaken, habe ich gedacht. Und je länger der Abend dauerte, desto ungemütlicher wurde mir und desto schlechter habe ich mich gefühlt.

Es ist sehr schwer für mich, dann höflich und bescheiden zu bleiben. Ich habe mich gefragt, wie John es aushält, so oft von diesen Leuten umgeben zu sein. Im Auto haben wir darüber geredet und er war wütend auf mich, weil er fand, dass ich mich nicht gut benommen habe, weil man mir ansehen konnte, dass ich mich unwohl gefühlt habe. Wir hatten einen Streit deswegen. Ich weiß, dass wir aus unterschiedlichen Welten kommen, aber das habe ich nie so sehr gespürt wie an diesem Abend.

Kommendes Wochenende verleiht John mich an einen Geschäftspartner aus Japan. Ich weiß noch nicht, was mich erwartet. Er mag BDSM. Ich glaube, er hat das gemacht, weil er wütend auf mich war. Ich fühle mich im Moment nicht so gut.

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