Yemaya

Das Wochenende war so busy, dass ich es nicht geschafft habe, mich hier zu melden. Am Freitag waren A und M zu Besuch bei uns und wir haben zusammen gegessen und danach Kaffee getrunken. Am Samstag waren John und ich einkaufen und nachmittags spazieren. Abends haben wir gespielt, das erste Mal seit Berlin. Es hat mir gefehlt. Der intensive Schmerz hat mir gefehlt. Am Sonntag bin ich schon am Nachmittag zu meinem Freund W gefahren. Er hat mich eingeladen, an einem Ritual teilzunehmen, zu dem auch zwei andere gekommen sind. Gestern war Vollmond und sie wollten ein Ritual für Yemaya machen. Yemaya ist eine Göttin im Voodoo, aber weil ich bisher gar nichts mit Voodoo gemacht habe, habe ich gedacht, dass es eine schlechte Idee ist, weil ich gar nicht weiß, was Yemaya macht und was sie möchte von ihren Devotees und wie ich mich verhalten soll. W und ich haben auch früher schon oft über seinen Glauben geredet (Voodoo, Christentum), aber ich glaube, ich habe vieles nicht so richtig wahrgenommen, weil ich mich nicht so stark wie jetzt dafür interessiert habe oder ich habe es wieder vergessen oder ich konnte es nicht zuordnen. W hat sich viel Mühe gemacht und mir vorher nochmal viel über Yemaya erzählt. Sie ist eine Göttin, die über das Wasser (Meer) und den Mond herrscht. Eigentlich ist Samstag der beste Tag, um mit ihr Kontakt zu machen, aber weil gestern Vollmond war, haben sie gestern das Ritual machen wollen. W sagt, am besten würde man Yemaya am Meer huldigen, aber weil wir kein Meer haben, geht auch ein Fluss oder ein See oder auch eine Schale mit Wasser, in das man ein paar Prisen Salz streut. Yemaya mag die Farben des Wassers, Muscheln, Fische, Perlen und Silber (wegen dem Mond). Ich habe mir eine blaue Jeans und ein graues Shirt angezogen, weil ich gehofft habe, dass es gut ist. Ich habe mich gefragt, ob es für Lord Shiva schlecht ist, wenn ich an einem Ritual für eine andere Göttin teilnehme, und ich habe Ihn gefragt, aber es kam kein Zeichen, das dagegen gesprochen hat. Da habe ich gedacht, dann ist es offensichtlich ok.

Wenn man mit anderen Puja macht, dann soll man nicht weitererzählen, was den anderen dabei passiert ist, weil man damit das Vertrauen zerstören kann, also schreibe ich nur, wie es für mich war. W hat einen großen und sehr schönen Altar, wo er immer seine Sachen für die Götter macht, und einen Bereich vom Altar haben wir für Yemaya geschmückt. Die anderen Bereiche hatte W mit Tüchern verdeckt, damit Yemaya weiß, dass das Ritual für sie ist. Ich habe gedacht, dass mein Altar für Lord Shiva dagegen sehr spartanisch aussieht und mich gefragt, ob Er sich da wohlfühlt?! Die anderen haben Muscheln und Seesterne hingelegt und ich hatte eine Seeigelschale mitgebracht. W hat weiße Rosen gekauft und er hat eine Schale mit Salzwasser hingestellt. Es gab auch noch Holzfische und Perlen. Ich fand es sehr schön. Es war so liebevoll. Yemaya war in einer Figur, die W gemacht hat, anwesend. Es ist anders als im Hinduismus, wo Götter erst in ihr Bild gerufen werden. W glaubt, dass seine Götter schon immer in den Bildern und Figuren sind und er sie füttern und baden und für sie singen soll.

Beim Ritual selber habe ich nicht viel gemacht, weil ich nichts Falsches machen wollte. Die anderen haben gesungen und gebetet und es war sehr lebendig und fröhlich, aber hinterher auch meditativ und ruhig. Es hat mich still gemacht und ich bin für einen Moment traurig gewesen, als W gesungen hat, dass Yemaya wie eine Mutter ist. Ich erinnere mich nicht mehr an das Lied, aber eine Zeile war darin, wo Yemaya gedankt wird, dass sie einen wie eine Mutter beschützt. Das hat mich bewegt. Wir haben Yemaya gebratenen Fisch und ein besonderes Meersalz geopfert. Wir haben meditiert und dabei an den Vollmond gedacht, der sich auf dem Meer spiegelt. Ich habe mich wohl und friedvoll gefühlt. W hat hinterher gesagt, wenn man mit Yemaya Kontakt macht, dann kommt es oft vor, dass man sich wohl und geborgen fühlt, weil Meerwasser und Fruchtwasser zusammenhängen und weil Yemaya so mütterlich und fürsorglich ist. Aber sie kann auch wild und zerstörerisch sein.

Hinterher haben wir zusammen gegessen und ich konnte noch viele Fragen stellen. Ich fand es sehr schön, aber besonders hat mich die Sicherheit beeindruckt, die die Drei in ihrem Umgang mit Yemaya oder allgemein mit Göttern haben. Ich habe das nicht, aber ich merke auch, dass sich etwas in mir verändert. Ich bin offener geworden und möchte noch mehr lernen. Ich fühle mich gut damit, aber ich will auch respektvoll sein und niemanden verletzen oder verärgern. W hat auch von seiner Grammy erzählt, die schon lange tot ist, und sie ihm ganz viel über Voodoo beigebracht hat. Er sagt, wo seine Familie in den USA herkommt, ist es ganz normal, dass die Leute Voodoo anhängen und dass es mit Christentum gemischt ist. Ich glaube, es muss schön sein, wenn man so damit aufwächst und es für einen natürlich ist, mit den Göttern zu reden und sie in seinem Leben zu haben.

Again, after reading my text over, I think I’d rather write in English only. I’m trying my best, but my German always sounds somewhat childish and goony and not the way I use to talk. It’s hard for me to express my feelings in German, but actually I want to improve my texting skills in my mother tongue. German sounds so harsh to me and reminds me of bad things that took place in my past.

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Meditation und Leere

Am Dienstag hatte ich meine dritte Yoga-Stunde und anschließend hat mein Yoga-Lehrer über Meditation gesprochen. Ich habe gedacht, beim Meditieren geht es darum, leer zu werden und Leere zu erfahren, was mir immer paradox vorgekommen ist. Wenn man leer ist, kann man doch gleichzeitig nichts erfahren, weil das die Fähigkeit der Objektivierung voraussetzt, was eben keine Leere ist. Unser Lehrer hat erklärt, dass es aber nicht um die Leere geht, sondern um eine friedvolle und achtsame Wahrnehmung, bei der man den wahrgenommenen Dingen nicht weiter Beachtung schenkt. Wenn zum Beispiel draußen ein Auto vorbeifährt, während man meditiert, kann man das wahrnehmen und dann den Gedanken wieder fallen lassen.

Ich habe gefragt, ob Meditieren dann heißt, dass man keinem Gedanken anhaftet, und er sagte, das sei der Kern. Ich weiß, ich sollte nicht stolz auf so etwas sein, aber ich bin es doch, weil ich es auf den Punkt bringen konnte, obwohl das ein Gebiet ist, in dem ich mich nicht wirklich auskenne. Vielleicht war das wieder technisch genug für mich.

Ich habe etwas Angst davor gehabt, dass Meditieren heißt, dass man sich der Leere aussetzen muss. Für mich fühlt sich Leere nicht gut an, weil ich mit ihr eher Depressionen und Ängste verbinde und keinen glückseligen Zustand. Leere heißt für mich eher, dass man keinen Halt und kein Ziel hat. Leere verbinde ich mit Traurigkeit und Bedauern und einem unerfüllten Leben.

Stille, Akzeptanz und Nichtanhaftung sind für mich keine Leere. Ich will beim Meditieren lernen, die Dinge nicht zu wichtig zu nehmen. Mein Yoga-Lehrer sagt, man kann Gedanken, die an einem nagen, durch Akzeptanz und auch durch Liebe erlösen, oder wenn das nicht geht, sie einfach links liegen lassen. Ich finde diese Idee ungewöhnlich, aber hilfreich. Ich glaube, es geht darum, dass man sich bewusst ist, dass man selbst entscheidet, woran man denkt und dass man seinen Gedanken nicht hilflos ausgeliefert ist.

Ha ha, ich glaube nicht, dass mein Yoga-Lehrer das vermuten würde, aber es hilft mir auch in Hinsicht auf meine Keuschhaltung weiter!

Shiva

Ich hatte heute ein langes, gutes Gespräch mit der Partnerin einer meiner WG-Freundinnen über meine Idee, mich auf eine Gottheit einzulassen. Sie unterstützt mich darin und hat mir Mut gemacht, es auf meine Weise zu machen. Ich dachte bisher, ich würde vielleicht zu technisch an die Sache rangehen, aber sie sagte, wenn die Gottheit mit mir Kontakt haben möchte, dann wird sie mein M.O. nicht stören.

Die Gottheit ist Shiva. Shiva ist ein hinduistischer Gott.

Wieso er? Ich habe keine logische Begründung dafür. Schon immer haben mich Bilder von Shiva angezogen. Vielleicht nur weil er absolut nichts mit meinem Background zu tun hat und praktisch so “exotisch” für mich ist. Die Partnerin meiner Freundin sagte, dass es aber auch sein kann, dass Shiva schon lange versucht, mit mir Kontakt zu machen, weil er schon so lange immer mal wieder auftaucht. Ich finde den Gedanken irgendwie total verrückt, dass Shiva ausgerechnet auf Kontakt mit mir Wert legen sollte, aber sie sagte, so etwas soll ich nicht denken, weil es dann schwieriger wird. Ich hingegen denke, es wird schon schwierig genug, weil ich schon heute gemerkt habe, dass ich das alles nicht so rational sehen kann, wie ich es gern sehen würde. Es entspricht mir, Sachen zu analysieren, und sich auf eine Gottheit einzulassen, hat nichts mit Logik zu tun.

Ich habe mir Bücher über Shiva bestellt und bei Youtube nach Videos geschaut. Vielleicht gehe ich es doch wieder zu rational an, aber ich möchte erst etwas über Shiva lernen, bevor ich etwas falsch mache im Kontakt mit ihm.

Ist Shiva Teil der Gottnatur oder ist er die Gottnatur? Meine Freundinnen sagen, es wäre hilfreich, diese Fragen im Moment nicht zu stellen. Vielleicht ergeben sich die Antworten irgendwann ganz von allein.

Ich bin aufgeregt. Es ist ein Experiment, das ich noch nie gemacht habe.

Was ist Gott?

Heute Nachmittag habe ich einen guten Freund getroffen und wir sind ins Philosophieren gekommen. Was ist Gott? Ich sehe Gott als allumfassend an. Die Naturwissenschaft teilt die Sachen in immer kleinere Einheiten auf: Moleküle, Atome, Quarks, leerer Raum. Ich glaube, irgendwann in der Zukunft werden wir Maschinen haben, mit denen wir auf noch kleinere Einheiten stoßen werden. Naturwissenschaftlich gesprochen umfasst Gott für mich die Summe aller Materie, die Summe allen leeren Raums und darüber hinaus noch mehr.

Kann Gott sich selbst objektivieren? Ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht weil meine Vorstellungskraft begrenzt ist, vielleicht aber auch weil ich durch bloße Beobachtung die Erfahrung mache, dass nicht alles, was existiert, seiner Natur nach aber Teil von Gott ist, Bewusstsein von sich selbst hat. Wie kann sich die Gottnatur als ganze objektivieren, wenn eine Stubenfliege keine Ich-Erkenntnis hat? Ich bewege mich da wieder auf naturwissenschaftlicher Ebene. Ich-Erkenntnis setzt eine gewisse Hirnstruktur, also eine gewisse Anlage voraus, die eine Stubenfliege nicht hat. Aber vielleicht ist es für Gott auch egal, ob ein Teil (die Stubenfliege) nicht objektivieren kann, weil Gott selbst größer ist und es eben doch kann – ich werde es nie erfahren.

Was Gott für mich nicht ist: der Lenker. Ich glaube nicht daran, dass alles geplant ist, was passiert, und dass es alles einem höheren Zweck dient. Es könnte zwar sein, dass ich falsch liege und Gott doch ein Lenker ist, aber ich glaube eher daran, dass alles reiner Zufall ist, ein wunderbarer Zufall. Ich glaube daran, dass Gott mit uns Menschen kommunizieren will und dass wir Menschen immer Sehnsucht nach Gott haben. Manche drücken das durch Religiosität oder Spiritualität aus, manche tun das als Unsinn ab und stumpfen ab, manche wissen nicht einmal, dass es Gott ist, was ihrem Leben fehlt.

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich mir wünschen würde, dass Gott für mich ein ansprechbares Gegenüber wäre, mit einem Namen und einer gewissen optischen Idee verbunden. Mein Freund hat mir schon öfter davon erzählt, dass es Menschen gibt, die sich eine Gottheit aussuchen, zu der sie dann in Kontakt zu kommen versuchen. Heute hat er mich gefragt, wieso ich mich diesem Gedanken so vehement versperre, wenn ich doch eigentlich einen personalisierten Bezug zu Gott suche. Ich glaube, das geschieht aus Angst, die Gottheit könnte antworten. Wenn etwas eher vage bleibt, ist damit auch keine Erschütterung der eigenen Lebensgrenzen verbunden. Keine neuen Erfahrungen, alles bleibt in gewohnten Bahnen. Mein Freund hat jetzt aber etwas in mir ins Rollen gebracht. Ich bin schon lange von einer Gottheit fasziniert, deren Kult und Mythen mich ansprechen. Er hat mir vorgeschlagen, mich auf sie einzulassen, um herauszukriegen, ob / was passiert.

Ich überlege jetzt, wie ich das am besten mache. Vielleicht gehe ich noch zu technisch an die Sache ran, aber ich möchte es ausprobieren.

Der Naturtisch

Ich habe heute einen Strauss Sonnenblumen aus dem Garten geholt und ihn auf unseren Naturtisch gestellt. Der Naturtisch steht in unserer Diele, er war ein Sperrmüllfund, den wir abgeschliffen und eingelassen haben. Die Idee, einen Naturtisch zu machen, kam von meiner einen Mitbewohnerin, die sowas aus ihrer Schulzeit kannte. Auf dem Tisch haben wir einen Kalender mit Naturbildern für die Monate stehen und ansonsten kommt immer etwas Neues dazu und alte Sachen werden entfernt. Im Moment sind die Sonnenblumen, mehrere bunte Steine, eine Muschel, ein Seestern, zwei Teelichter, Hagebutten und Kastanienschalen darauf.

In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, hatten viele Leute einen Herrgottswinkel im Haus (meistens in der Küche), wo ein Kruzifix hing oder wo eine Marienstatue stand. Man konnte dort auch Kerzen anzünden oder Weihrauch räuchern. Es gab auch den Brauch, dass Marienstatuen oder -abbilder außen an den Häusern angebracht oder aufgemalt wurden. Die Leute glauben, dass Gott bzw. Maria dann über ihr Haus und ihren Hof wacht. Im Herrgottswinkel haben sie zu Gott oder Maria gebetet und sie dachten, dass die göttliche Macht dann immer bei ihnen ist im Alltag. Ich glaube, unser Naturtisch hat eine vergleichbare Aufgabe. Wenn es mir nicht so gut geht oder wenn es mir besonders gut geht, dann setze ich mich an den Tisch und versuche, in die Gottnatur hinein zu lauschen, zum Beispiel indem ich die Fundstücke anschaue und mich daran erinnere, wo ich sie herhabe. Ich versuche dann, mir genau vorzustellen, woher sie kommen, welche Stimmung an dem Tag oder an dem Ort herrschte ect. Das tröstet mich.

Mir gefallen auch die Rosenkränze und Heiligenbildchen der katholischen Kirche. Ich glaube, für Gläubige ist es eine Stütze, wenn man immer etwas dabei hat, das einen mit seinem Glauben verbindet.

Gott als Gegenüber

Mir ist heute Morgen ein Gedanke gekommen: Menschen, für die Gott eine Person ist, können Gott direkt ansprechen. Sie sagen vielleicht: Gott, ich danke Dir. Oder: Gott, ich bitte Dich, gib mir das und das. Für mich ist das nicht möglich. Ich rede so nicht mit der Gottnatur, weil es mir komisch vorkommt, die Summe aller Teile als ein einziges Gegenüber anzusprechen. Das würde heißen, dass ich nicht Teil davon bin, weil ich es objektiviere. Ich fühle mich aber als Teil der Gottnatur, sie ist allumfassend. Ich kann nicht objektivieren.

 

Gott in der Natur

Heute waren John und ich den halben Tag wandern, fast 12 km. In unserer Gegend gibt es alte Hügelgräber und eins davon ist besonders idyllisch mitten im Wald gelegen, das ist einer meiner Kraftorte. Es stehen da ein paar alte Buchen mit stark verflochtenen Wurzeln und es gibt große moosbewachsene Steine, die man teilweise beklettern kann. John ist Atheist und kann nicht verstehen, wieso ich diesem Platz immer wenn ich ihn besuche etwas mitbringe, heute eine Birne und ein Stück Brot. Für mich ist die Natur Gott oder anders gesagt: Gott zeigt sich in der Natur. Personifizierte Gottheiten sind nicht mein Fall, schon gar nicht wenn sie als Eltern angesprochen werden, als Vater oder Mutter. Diese Worte lösen Beklemmungen bei mir aus und mit Sicherheit könnte ich einen solchen Gott niemals akzeptieren oder ehren. Die Natur zu ehren, ist leicht für mich, weil sie als lebendig, direkt und allumfassend erleben kann. Lebendig: alles lebt, ich denke, sogar Steine leben auf eine gewisse Weise. Wenn ich sie berühre, fühlen sie sich an, als wenn sie singen, schwingen oder vibrieren (jeder Stein ist anders). Direkt: ich bin ein Teil der Natur und stehe deswegen direkt mit ihr in Kontakt. Jede Lebensäußerung von mir ist ein Teil davon. Allumfassend: alles existiert in der Natur und geht aus der Natur hervor. Ich sehe auch Dinge, die andere als widernatürlich bezeichnen, als aus der Natur hervorgegangen an, wie zum Beispiel Plastik, angereichertes Uran oder Antibiotika. Die Anlage für alle diese Sachen war in der Natur vorhanden und wir Menschen haben Werkzeuge und bereits veränderte Naturbestandteile benutzt, um sie zu modifizieren. Außerdem glaube ich, dass es keinen Sinn ergibt, diese Dinge als unnatürlich zu verunglimpfen, sie aber auf der anderen Seite zu benutzen, weil sie das Leben angenehmer, sicherer oder erträglicher machen.

Ich beneide gläubige Menschen. Ich meine, Menschen die einen personalisierten Bezug zu Gott haben, für die Gott ein Wesen ist, an das sie sich wenden können, wenn sie Support oder einfach ein offenes Ohr brauchen. Ich beneide sie um ihre Gewissheit, ihre innere Sicherheit und zum Teil auch um ihre Rituale. Ich finde beispielsweise die katholische Messe in ihrem Ablauf und in ihrer Ausstattung sehr ästhetisch, aber es käme mir moralisch fragwürdig vor, hinzugehen, weil Gott für mich kein Vater sein kann. Mit Jesus kann ich mich in gewisser Weise identifizieren. Er wurde verraten, gefoltert und das alles, weil seine eigener Vater es so wollte. Mir gefällt nur nicht, dass er nicht in Ruhe sterben durfte, sondern dass Gott ihm den Tod versaut hat. Jesus am Kreuz hat meine vollste Sympathie, aber ich finde, die Story hätte dort enden müssen. Den Buddhismus finde ich in Teilen ebenfalls ansprechend. Mir erscheinen Buddhisten immer sehr bescheiden und in sich ruhend, und ich finde den Gedanken, dass man durch Selbstversenkung erlöst werden kann, nachvollziehbar. Ich habe das ein Stück weit erlebt, dass man Schmerz und Angst ausblenden kann, wenn man sich auf einen bestimmten Punkt in sich selbst konzentriert. Die Lichter gehen rund herum aus, alles wird gleichgültig und ertragbar. Hinderlich ist nur, dass man normalerweise irgendwann wieder aus diesem glücklichen Zustand auftaucht, meist wegen ganz profaner Gefühle wie Durst, Hunger oder Harndrang.

Dass ich dem Ort im Wald, zu dem John und ich heute gewandert sind, etwas mitbringe, ist der Versuch, eine Beziehung zur Gottnatur aufzubauen und eigene rituelle Handlungen zu finden. Sie entbehren jeder Ästhetik, auch wenn ich versuche, das Obst oder das Brot so hinzulegen, dass es nicht wie von satten Wanderern achtlos weggeschmissen aussieht. Es ist ein Dank dafür, dass die Natur sich mir gegenüber immer anständig verhalten hat, anders als Menschen. Ich finde es ein Wunder, dass aus einem Samenkorn, etwas Erde, Sonne und Wasser etwas wachsen kann, das man essen kann oder dass schön ist.

Ich habe beim schreiben gemerkt, dass ich gern öfter über Gott reden möchte, also gibt es jetzt eine neue Kategorie.